Was kling wie ein Krimi aus der Dorfbücherei begann tatsächlich am Freitag zwei Wochen nach Neujahr.
Am 12. Januar kam Dr. O., ein Arzt aus der Gesundheitsstation, Ehemann der Krankenschwester Mama O. und Vater von sechs Kindern, um etwa acht Uhr abends nach Hause. Er bat um Essen und aß zusammen mit den Kindern Ugali, bevor er sich schlafen legte. Zwei Stunden später kam seine Frau ins Zimmer und wollte ihn wecken, damit er sich auf die andere Seite legt. Aber er ließ sich nicht wecken. Dr. O. war tot.
Am nächsten Morgen wusste bereits das ganze Dorf davon, ich erfuhr bei der Arbeit, dass unser Kollege gestorben war. Er war Anfang vierzig, gesund, hatte am Nachmittag noch Volleyball gespielt- alle waren fassungslos. Ich hörte die Geschichte mehrmals. L., die älteste Tochter, sei zu einem anderen Arzt der Mission gelaufen, der nur den Tod feststellen konnte, die Leiche wurde mit dem Dispensarywagen ins Krankenhaus in Haidom gebracht. Am Morgen wurde L. mit einem Nervenzusammenbruch erst in die Dispensary, dann ins Krankenhaus eingeliefert. Die Mutter war mit den anderen Kindern zu Hause.
Von einem Tag auf den anderen war alles anders in Mwanga. Vile Läden wurden geschlossen, Pläne für den Tag verworfen- mittags sah man die Menschen aus allen Richtungen zum Haus der Familie pilgern.
In einer Situation, in der man bei uns keine Worte findet, gibt es hier eine Antwort: Pole. Noch während der Arbeit wurde ich bei der Hand genommen und zu L. geführt, bevor sie nach Haidom gebracht wurde. Sie lag als einzige auf einem der vierzig Betten im Spital. Eine Gruppe von zehn bis zwanzig Frauen saß um das Bett herum, an dem die Mutter versuchte, ihre Tochter anzusprechen. Ich kannte die Familie zu dem Zeitpunkt kaum, aber darum ging es bei dem Besuch nicht, auch nicht um Trost oder die richtigen Worte, sondern einfach um Anteilnahme. Keiner ist alleine, alle trauern gemeinsam. Mittags besuchten Jonas und ich die Familie. Unmengen von Menschen standen in Gruppen um das Haus herum, Frauen kochten draußen Essen für die Gäste. Wir wurden ins Zimmer geführt, in dem Mama O. mit Tüchern bedeckt im Bett lag und drei bis zwanzig Frauen bei ihr saßen und mit ihr weinten. Meine Gastmutter selbst hatte das Haus früh morgens verlassen und kam erst um Mitternacht nach Hause, sie wich nicht von Mama O.s Seite. Wir sprachen unser Pole sana aus, saßen eine Weile wortlos zusammen und gingen.
Am nächsten Tag hatte ich Geburtstag. Ich dachte, dass nun natürlich nicht mehr an feiern zu denken sei- aber da hatte ich nicht mit meinen Freunden und meiner Familie gerechnet; am Abend kamen als Überraschungsgäste die anderen drei Kolpingfreiwillige und unser Mentor aus Singida für das Wochenende zu Besuch. So hatte der folgende Tag zwei Seiten für mich. Auf der einen Seite war da ein toller Geburtstag mit einem Filmabend zum Reinfeiern, bis der Laptopakku leer war, und dem besten Sommertag, um den Gästen Mwanga von seiner schönsten, grünen Seite zu zeigen. Mittags kletterten wir auf Bäumen, beobachteten die Affen am Fluss, picknickten mit Ananas unter Akazien, abends sangen wir auf dem Wohnzimmerboden mit Gitarre Lagerfeuerlieder. Und Mama Ingi, der größte Schatz unter der Sonne, hatte selbst Nachbarn mit Einkaufen und Kochen beauftragt, damit es doch noch eine Feier- heißt ein unglaublich gutes Essen- gab.
Und auf der anderen Seite war die Trauer. Ich besuchte Mama O. morgens alleine und mittags mit den anderen, wieder saßen wir in einer großen Runde und tranken stumm Tee zu Teiggebäck zusammen mit der Witwe. Nachmittags saßen ein paar Jugendliche bei uns im Hof und tranken Tee, ich stellte mich zu ihnen und erfuhr erst, als sie gingen, dass das die Kinder von Dr. O. gewesen waren. Die Beerdigung sollte am nächsten Tag stattfinden, und so dankbar ich für alles war, was man mir zu Liebe getan hatte, hoffte ich, die Hilfe am nächsten Tag zurückgeben zu können.
Denn die Beerdigung wurde komplett von Freunden, Familie und Nachbarn organisiert. Die Arbeit begann früh morgens: Wasser, viel Wasser, musste geholt, Kochutensilien organisiert, Holz zum Kochen gehackt, Essen organisiert, eine Kuh geschlachtet werden. Als ich kam waren alle längst am Kochen. Männer saßen abseits im Kreis und würfelten bereits die Kuh, Frauen kochten auf zahlreichen Kochstellen in riesigen Töpfen Ugali, ganze Säcke von Reis wurden entsteint, Gemüse in ebensolchen Mengen geschnitten und gerieben. Das Haus der Familie O. war längst ein öffentlicher Platz. Stühle wurden aufgestellt, Plastikplanen um das Haus installiert, Kisten mit Limonade hergeschafft. Dabei musste sich die Familie weder um etwas kümmern, noch etwas zahlen: alles Essen waren Spenden der Nachbarn. Nicht einmal um den Papierkram musste sich Mama O. sorgen, Mama Ingi war am Tag zuvor zur ‚Bezirksverwaltung‘ gefahren, um das zu erledigen. Gegen Mittag war man fertig; ein ganzer Bus kam mit den ersten Gästen. Und Gäste sollten es viele werden-später zählte ich grob geschätzt um die 800 Menschen.
Der Sarg wurde gegen Mittag aus Haidom gebracht. Er kam erst ins Haus der Familie, später trugen ihn Männer in die Kirche. Wie alles andere wurde auch das Grab von den Nachbarn gegraben. Weder am letzten Sonntag des Kirchenjahres, noch an Weihnachten war die Kirche so voll wie zu diesem Gottesdienst. Schwarz zu tragen ist hier keine Tradition, dafür bedecken Frauen den Kopf mit einem Tuch. Und nach drei Stunden Gottesdienst und einer halben Stunde Beerdigung war alles vorbei.
Tatsächlich war die Stimmung auf einmal anders, wie erleichtert. Ich verbrachte, wie viele andere Gäste, den Abend bei der Familie. Als ich kam, kam lautes Lachen aus dem Wohnzimmer, es war schon dunkel und im Hof hatte man ein Lagerfeuer angezündet. Eine weitere Tradition ist, dass die Männer der Nachbarschaft in den ersten Nächten als Wache draußen vor dem Haus der Familie schlafen, und so saßen wie auch am Abend zuvor viele Männer unter den Plastikplanen, unterhielten sich oder spielten Karten. Ich kam auch am nächsten und übernächsten und auch am Tag darauf zu Besuch. Die Männerrunde am Feuer am Abend wurde immer kleiner, manchmal spielte ich auch nur mit Mama O. und den Kindern. L. war seit der Beerdigung wieder zu Hause. Nach einer Woche wurden die Plastikplanen abgebaut, die letzten angereisten Verwandten fuhren nach Hause. Das Leben ging weiter.
Nach einer Woche schien sich alles fast normalisiert zu haben, als ich das erste mal von einem kommenden Treffen erfuhr. Meine Kollegin sagte mir bei der Arbeit, dass das ganze Dorf kommen wird, Mitglieder aller Stämme. Ich fragte ein bisschen herum und man sagte mir, es ginge um den Grund des Todes von Dr. O. Es seien davor noch 1-3 andere Männer plötzlich gestorben und man wolle diese Angelegenheiten bereden.
Erst zwei Tage vor dem Treffen erfuhr ich die echten Gründe. Ich hatte schon kurz nach der Beerdigung von solchen Gerüchten gehört und dachte, das sei nichts als Gerede, aber welche Folgen solches Gerede haben kann hatte ich mir nicht vorstellen können.
Die Leute sagten, Dr. O. wurde vergiftet. Der Arzt, der ihn kurz nach seinem Tod gesehen hat, und wohl auch die Ärzte in Haidom sollen die Vermutung geäußert haben. Es hieß, er sei angeschwollen und eine dunklere Haut gehabt haben als gewöhnlich. Mama O. hatte einer postmortalen Untersuchung nicht zugestimmt, darum blieb es bei der Vermutung, die zu diesem Zeitpunkt aber längst als Gewissheit galt. Die große Frage war also, wer ihn vergiftet hat.
Die Hauptverdächtige dabei: Mama O. selbst.
Ich fragte viele Leute nach den Gründen, was sie dabei erzählten war zum Teil haarsträubend. Sie hätte nicht geweint, als sie sah, dass er tot war, ihre Worte hätten wie eine Bestätigung geklungen statt wie eine Frage. Man erzählte, O. hätte bereits am Tag zuvor eine Vorahnung gehabt und habe seinem ältesten Sohn seine Felder gezeigt. O. und Mama O. hätten kurz zuvor gestritten- dass O. bereits lange eine Affäre hatte war im Dorf bekannt. Sie soll gesagt haben, dass einer von ihnen, O. oder die andere Frau, dieses Jahr nicht überleben wird. Die Hauptgründe waren aber vor allen Dingen, dass Mama O. die letzte war, die ihm Essen gegeben hat, und dass sie abgelehnt hat, die Todesursache herauszufinden.
Am Samstag lief eine Gruppe von Frauen durch die Gegend und sang. Der Gesang war die Einladung zum großen Treffen am Sonntag. Jemand sagte mir, sie singen für Mama O., ich fragte, ob sie damit ihr Mitleid ausdrücken. Sie fragen nach den Gründen für O.s Tod, sagte man mir. Am Abend trafen sich Frauen am Ort der Versammlung, um die Nacht draußen zu schlafen. Es hieß, man dürfe nicht an diesem Treffen vorbei, ohne zu grüßen und sich dazuzusetzen. Mama Ingi ging nicht, weil sie Zahnschmerzen hatte, ich konnte aus anderen Gründen leider nicht hin. Ich war bis zum späten Abend bei der Familie, redete mit L., sah mir mit Mama O. und den Kindern ihre Fotoalben an. Sie verloren kein Wort über das Treffen. Es wirkte alles wie ein eigenartiger Scherz, dabei war es alles andere als das. Seit zwei Wochen hatten sie mit den Vorwürfen zu kämpfen, von Leuten, die kurz davor noch zusammen mit ihnen geweint haben, mit denen sie seit Jahren zusammen leben, von Nachbarn und Freunden, wo der Schmerz über den Verlust selbst noch lange nicht verarbeitet ist. Ich kann mir jetzt noch nicht erklären, was die Leute dazu brachte, der Familie so etwas anzutun.
Es hieß, das Treffen beginnt um zehn Uhr, Mama Ingi und ich kamen kurz vor elf, später erfuhr ich, dass man da schon seit Stunden diskutierte. Unter ein par Bäumen nicht weit weg vom großen Platz vor unserem Haus saßen geschlechtergetrennt Frauen und Männer auf dem Boden um eine freie Fläche herum, auf der die wechselnden Redner standen oder liefen. Ein Stock, der jeweils weitergegeben wurde, erlaubte das Sprechen. Als wir kamen waren zunächst nur Iraqw da, gesprochen wurde in der Stammessprache, etwa eine Stunde später begannen sie, alles auf Kiswahili zu übersetzen. Mama O. und L. saßen unter den Frauen, wir setzten uns zu ihnen.
Ich war die ganze Zeit dabei, dennoch erfuhr ich fast alles, was ich über den Inhalt des Treffens weiß, erst hinterher: mal fehlte die Übersetzung, dann war der Übersetzer zu leise oder er ging in den Stimmen unter, und nach zwei Stunden war die Konzentration zum Zuhören weg. Im Grunde war alles eine große Anklage an Mama O. Sämtliche Indizien wurden ausgebreitet, diskutiert, man ging ins Detail. Mitglieder aller Stämme kamen zu Wort, die Leute kamen zum Teil aus Singida und weiter weg, und während die Zeit veging wurden es immer mehr Teilnehmer, bis sich um den Kern herum ein großer Kreis stehender Zuschauer gebildet hatte; es waren bestimmt über 300 Menschen anwesend. Jeder, der etwas zu sagen hatte, konnte sprechen. Und es schien, als wären sich die Leute einig.
Mama O. soll ihn umgebracht haben. Eine Verteidigung hatte sie nicht, ein paar mal nur stand sie selbst mit schwacher Stimme vor den Leuten und sprach. Auch L. sprach zwei mal vor allen Leuten. Mit tränenerstickter Stimme und trotzdem mit wahnsinnig viel Kraft erzählte sie, was an jenem Abend geschah. Als sie redete, weinten alle mit- dass die Kinder unschuldig sind stand außer Frage, es ging hierbei nur um die Mutter. Als ich hinterher mit Mama Ingi sprach, wurde sie wütend beim Reden- es seien Dinge gesagt worden, die nicht schön sind, die man nicht in einer solchen großen, gemischten Gruppe bespricht. O. war an jenem Abend, bevor er nach Hause kam, im Laden der anderen Frau gewesen und hätte getrunken- aber betrunken sei er nicht gewesen. Sein häufiger starker Alkoholkonsum (hier für Männer nichts Ungewöhnliches) war bekannt. Auch sie und ihr Mann- ein Arzthelfer aus der Gesundheitsstation- kamen als Täter in Frage. Die ganze Affäre wurde im Laufe des Treffens offengelegt. Eine Frau nahm den Stock und sagte, dass so etwas früher im Verborgenen geschah, heute gehe man damit schamlos hausieren. Hätte Mama O. ihm aber Gift ins Essen getan, wären die Kinder auch vergiftet worden, es hatten schließlich alle zusammen gegessen. Die Autopsie hatte sie abgelehnt, erfuhr ich später zu Hause, als sie bereits von den Vermutungen wusste. Doch die Beerdigung war bereits vorbereitet, der Sarg da- und hätte sich herausgestellt, dass es tatsächlich Gift war, hätte sich der Staat eingeschaltet.
Dass bei diesem Treffen der Staat nicht anwesend ist wurde mehrfach betont. Ich hatte mich gewundert, wie man bei einem solchen Fall, ohne Spezialisten und mit bereits begrabenem Toten, die Wahrheit herausfinden und ein Urteil fällen will. Das erfuhr ich auf Umwege bereits vor dem Treffen: am Ende des Treffens stand Laana, ein Fluch.
Nach fünf Stunden wurde das Treffen für beendet erklärt. Einmal noch bekam Mama O. die Chance, vor der Versammlung um Vergebung zu bitten, sonst würde sie der Fluch treffen. Der Redner sagte, Christen sollen zurückbleiben, die Nichtchristen kämen mit zum Ort, an dem er ausgesprochen werden soll. Mama O. als Hauptverdächtige ging voraus, jene andere Frau und ihr Mann hinterher, alle anderen hinter ihnen. Blöderweise hatte ich mich schnell meinen christlichen Freunden angeschlossen, um mir alles erklären zu lassen, und bekam dadurch nicht mit, dass genauso viele schaulustige Christen mitgegangen sind und verpasste damit die einmalige Chance, einen solchen Fluch zu sehen. Was ich darüber weiß bekam ich also auch hinterher erzählt: die Leute gingen bis zu einem Art Graben nicht weit weg von hier, dort wurde ein Pfeil in die Erde gesteckt. Ein alter Barbaiq-Mann führte die Zeremonie an. Die Verdächtigen gingen daraufhin zum Pfeil, berührten ihn mit der einen Hand und bedeckten die Augen mit der anderen und sprachen, sinngemäß: sollten sie derjenige sein, der O. vergiftet hat, sollten sie selbst bis zum 12.2. – ein Monat nach seinem Tod – sterben, den Verstand verlieren oder den Mord gestehen. (Außerdem war da noch etwas mit der Maisernte, wofür mein Kiswahili aber nicht reichte.) Viele Leute sollen geweint haben. Dann war es vorbei.
Zu diesem Zeitpunkt also sprach ich mit Jamesi. Wie er davor gedacht hat, weiß ich nicht, aber nun sagte er, dass Mama O. es nicht gewesen sein kann. Denn sie sei hier aufgewachsen, sie kenne die Traditionen, sie habe die Möglichkeit bekommen, es zu gestehen und wisse, dass nach einem solchen Fluch nur der Tod kommt. Ich habe im Laufe der Tage keinen gefunden, der nicht an die Wirkung des Fluchs glaubt. Ein solches Treffen, sagten mir Gleichaltrige, hätten sie bisher nur ein mal in ihrem Leben erlebt; das ist eine andere Geschichte. Jamesi hatte mir gesagt, dass Christen nicht zu diesem Treffen gehen sollten- Maria selbst wollte erst mit den Pfarrern sprechen, bevor sie draußen geschlafen hätte, am Treffen selbst musste sie teilnehmen- weil das, was dort passiert, nichts mit Gott zu tun hat, sondern von wo anders herkommt. Eine ältere Kollegin erzählte, dass sie zwei Menschen gekannt habe, die von einem Fluch getroffen wurden, beide seien gestorben, wie es ihnen angekündigt wurde.
Ob die Familie O. an den Fluch glaubt habe ich nicht gefragt. Noch während die Gruppe zu dem Platz ging, zerstreuten sich die Menschen wieder in alle Richtungen. Das Volleyballnetz wurde aufgehängt, überall in der Ladenstraße standen Gruppen, die sich unterhielten, man fuhr mit dem Alltag fort.
Später ging ich wieder die Familie besuchen. Als ich kam, beteten sie gerade ein langes Gebet, Gäste waren da, die nach dem Gebet gingen. Kurze Zeit später kam Jonas mit einem Kartenspiel vorbei und spielte mit den Kindern bis zum späten Abend. Als wäre nie etwas gewesen, kam ein Nachbar, der am Abend vorher von der Schuld von Mama O. überzeugt gewesen war, vorbei und setzte sich zum Karten spielen dazu. Draußen im Hof saß ein anderer Nachbar, der mit am meisten gegen Mama O. gesprochen hatte, und trank Bier. Ich saß mit L. zusammen, wir redeten über alles mögliche, außer was an diesem Tag passiert war, bis ich um halb elf gehen musste.
Man sollte meinen, die Familie könne jetzt endlich in Ruhe gelassen werden. Aber immer noch gibt es Menschen, die weiterreden. Am Tag nach dem Treffen kam eine Gruppe von Nyiramba vorbei und wollte mit Mama O. reden, sie hätten da noch ein paar Punkte- da wurden nun auch die Nachbarn wütend, warum hatten sie das nicht schon beim Treffen am Tag zuvor gesagt. Wenige Tage später fand Mama O. eine Schlange bei sich im Hof. Als L. mir davon erzählte, habe ich mir nichts dabei gedacht, bis mich eine Kollegin am nächsten Tag aufgeregt bei Seite nahm, um mir davon zu erzählen: ihr sei so etwas einmal nach einem Todesfall passiert, die Alten sagen, auf diese Art kommt ein Verstorbener, um die Hinterbliebenen zu grüßen. Aber die Familie macht weiter, was bleibt ihnen auch anderes übrig. Jonas und ich kommen sie fast jeden Tag besuchen, wir spielen oft Karten, häufig treffe ich andere Gäste dort. Nach wie vor wird beim Teetrinken über den Fluch geredet, es kursieren Gerüchte, L. meidet das Volleyballfeld aus Angst vor Gerede. Ich frage mich, wie man es schafft, so etwas seinen Nachbarn und Freunden zu verzeihen.
Das nun war der Stand der Dinge vor eineinhalb Wochen. Seither bin ich auf Sansibar und erfahre alle Neuigkeiten im Detail am Montag. Eigentlich wollte ich wieder gar nicht mehr weg aus Mwanga. Mein Alltag hat sich verändert und neben allem, was passiert, ist es so schön, aufregend, in Bewegung wie nie zuvor. Nun will ich von hier nicht mehr weg, wie das mit Urlaub immer so ist...
Mittwoch, 15. Februar 2012
Samstag, 7. Januar 2012
Noch was Organisatorisches.
Ich bin mittlerweile quasi gar nicht mehr ueber Handy zu erreichen und will nicht mehr so haeufig ins Netz. Saemtliche Mitteilungen kommen daher am zuverlaessigsten ueber oungurs(at)yahoo.de auf Jonas internetfaehigem Handy an. Als ebenso zuverlaessig hat sich die Post erwiesen. Briefe sind weiterhin willkommen. :)
Ausserdem gibts neue Bilder.
> Hier von der Adventsreise und
> hier wieder aus Mwanga.
Alles Liebe,
Olga
Ausserdem gibts neue Bilder.
> Hier von der Adventsreise und
> hier wieder aus Mwanga.
Alles Liebe,
Olga
Von den gestohlenen Kuehen
Vor kurzem geschah ein Verbrechen in Mwanga.
Für mich verlief der Tag folgendermaßen. Bereits morgens war wenig bei der Arbeit los. Ich habe eine handvoll Frauen aufgenommen, aber auch meine Kolleginnen haben sich so gelangweilt, dass wir teilweise zu fünft um den Tisch herumsaßen. An einem Mittwoch kann aber schon mal wenig los sein, also gut. Nachmittags ging ich Jonas‘ Gastfamilie besuchen. Mwanga: wie ausgestorben. Kein Mensch auf dem Platz, fast alle Geschäfte geschlossen, auch Wankembetas Tür, bei der ich jedes mal vorbeischaue, war zu. Aber gut, die Sonne knallt schon ziemlich heute, und vielleicht hab ich irgendeinen Feiertag verpasst, kann ja vorkommen. Während ich mich dann mit Lenta unterhalte, fällt mir nebenbei auf, dass die Kühe in der Boma sind und nicht draußen- aber so ganz hab ich das mit dem Kühehüten ja auch noch nicht verstanden. Ein junger Mann kommt irgendwann auf dem Fahrrad, sie sprechen ein bisschen Stammessprache, kurz danach werden die Kühe raus gelassen. Es wird später Nachmittag, ich gehe in unseren Laden und treffe dort Pasko, der um diese Uhrzeit eigentlich das Volleyballspiel organisieren müsste. Er erzählt, dass niemand da ist, weil alle irgendwelche verschwundenen Kühe suchen. Sind wohl Kühe weggelaufen, denke ich, wundert mich nicht, wundert mich eher, dass das so selten passiert, wo doch so große Herden immer von so kleinen Kindern gehütet werden. Das Spiel findet dann doch statt, die Leute kommen nach und nach. Während des Spiels läuft eine Gruppe von Männern vorbei- mit Pfeilen und Bogen in der Hand. Ich bin die ländlichen Eigenheiten schon so gewohnt, dass mir das erst später auffällt und ich mich in dem Moment nur frage, ob sie zum Spaß Tiere jagen waren. Abends kommt uns Jamesi besuchen und fragt mich, ob ich das mit den gestohlenen Kühen mitbekommen habe. Kühe gestohlen? Also, das war so.
Um vier Uhr morgens bemerkte ein Mann etwa einen halben Kilometer von uns entfernt, dass sieben seiner Kühe fehlen: er begann, eine Art Alarmruf zu schreien. Wenn man im Dorf jemanden schreien hört, dann weiß man, etwas ist passiert. Wenn in der Nacht jemand zu schreien beginnt, kann das nur bedeuten, dass Kühe gestohlen worden sind, erklärt Jamesi. Und wenn man jemanden schreien hört, schreit man mit. So verbreitet sich die Nachricht, dass etwas geschehen ist, im ganzen Dorf. Darum war morgens um vier das halbe Dorf auf den Beinen, weil der Lärm von überall kam; ich habe trotzdem geschlafen wie ein Stein und darum erst abends alles erfahren. Wenn man nun also in Erfahrung gebracht hat, was geschehen ist, ziehen alle los, um die Kühe und den Dieb zu finden. ‚Alle‘ sind alle Männer über 18 Jahren, und sie sind bewaffnet- mit Pfeil und Bogen, weil der Staat keine anderen Waffen erlaubt. So gingen auch Jamesi und sein Vater - ein 20-jähriger Abiturient und ein Lehrer - mit Pfeil und Bogen bewaffnet los, um dem Bestohlenen zu helfen. An einem solchen Tag sind alle Kühe im Stall und alle Läden geschlossen, weil die Männer unterwegs sind. Und alle machen mit, denn wer sich weigert, bekommt entweder direkte Probleme mit der Dorfgemeinschaft- oder wenn er einmal nachts schreien sollte, würde einfach niemand kommen. Sie gingen bis Basuto (also ziemlich weit), aber ohne Erfolg. Wenn um Mitternacht Kühe gestohlen werden und man bemerkt es am Morgen, gibt es wenig Hoffnung, die Diebe noch zu finden, auch wenn man den Spuren folgt. Darum fand das Spiel dann doch statt, alle waren recht früh zurück, am nächsten Tag sollte die Suche weitergehen. Die Kuehe sind bis jetzt nicht wieder aufgetaucht und sind damit verloren.
Er hat Mitleid mit dem bestohlenen Mann, sagt Jamesi. Er ist verheiratet und hat drei Kinder, vermutlich braucht er die Kühe dringend, um sein Feld zu bestellen, und das Geld, das er bekommt, wenn er die Kühe an andere Leute für ihre Felder vermietet. Vermutlich waren sie auch hart verdient- eine Kuh kostet bis zu umgerechnet 500 €. Aber Diebstahl geschieht meist auch aus einer harten Notsituation heraus. Pfeil und Bogen klingt komischer, als es ist- Diebe werden umgebracht. Auf dem Land wohl mit Speeren, in der Stadt werden sie mit Benzin übergossen und angezündet. Und das ist keine Ausnahme, Freiwillige aus Karatu haben davon erzählt wie auch Tansanis selbst. Wenn dann die Polizei kommt, natürlich zu spät, heißt es, er wurde von den Einwohnern umgebracht- wen also soll man bestrafen? Doch der Dieb weiß das davor. Der Gedanke ist: Wenn er weitermacht wie bisher, wird er sterben. Wird er erwischt, wird er auch sterben, aber wenn nicht besteht die Chance, zu überleben.
Der bestohlene Mann gehört außerdem zum Stamm der Nyiramba. Kuhdiebstahl prägt die Vergangenheit dieses Stammes besonders in Mwanga. Vor 30 Jahren hat es einen großen Stammeskrieg zwischen Nyiramba und Barbaiq gegeben, bei dem viele Menschen ums Leben kamen. Die Ursache: einer hatte dem anderen Kühe gestohlen, wer wen beklaut hat variiert wohl nach dem, wen man danach fragt. Heute ist Frieden, heißt es, aber schon vor ein paar Jahren hat ein neuer Diebstahl den Konflikt neu entflammt. Ein Mnyiramba wurde bestohlen, er beschuldigte die Barbaiq und nahm sich willkürlich die Kühe eines Barbaiqkindes in der Nähe von Katesh. Wieder gab es Streit, wieder starben Menschen - ‚nur ein paar, weniger als 5‘, sagte Jamesi - wieder wurde alles irgendwie geregelt. Jamesi glaubt nicht, dass daraus jetzt wieder ein größerer Streit wird; Maria sagt, man wisse es nicht. Aber bei der Suche geholfen hat das ganze Dorf, also alle Stämme. Wanyiramba wie Wairaqw (so wie Jamesi und meine Familie)- und Wabarbaiq, bestätigte er nach kurzem Zögern.
Ein paar Tage spaeter ist alles beim Alten. Genau genommen war nicht einmal das etwas besonderes fuer die Mwanganer, mir wurde gesagt, dass mir im Laufe des Tages niemand davon erzaehlt hat, weil man es fuer zu bedeutungslos hielt. Ansonsten wurde gestern der Weihnachtsbaum weggeworfen, naechste Woche geht die Schule wieder los, alles nimmt seinen gewohnten Gang.
Euch allen ein frohes Neues!
Für mich verlief der Tag folgendermaßen. Bereits morgens war wenig bei der Arbeit los. Ich habe eine handvoll Frauen aufgenommen, aber auch meine Kolleginnen haben sich so gelangweilt, dass wir teilweise zu fünft um den Tisch herumsaßen. An einem Mittwoch kann aber schon mal wenig los sein, also gut. Nachmittags ging ich Jonas‘ Gastfamilie besuchen. Mwanga: wie ausgestorben. Kein Mensch auf dem Platz, fast alle Geschäfte geschlossen, auch Wankembetas Tür, bei der ich jedes mal vorbeischaue, war zu. Aber gut, die Sonne knallt schon ziemlich heute, und vielleicht hab ich irgendeinen Feiertag verpasst, kann ja vorkommen. Während ich mich dann mit Lenta unterhalte, fällt mir nebenbei auf, dass die Kühe in der Boma sind und nicht draußen- aber so ganz hab ich das mit dem Kühehüten ja auch noch nicht verstanden. Ein junger Mann kommt irgendwann auf dem Fahrrad, sie sprechen ein bisschen Stammessprache, kurz danach werden die Kühe raus gelassen. Es wird später Nachmittag, ich gehe in unseren Laden und treffe dort Pasko, der um diese Uhrzeit eigentlich das Volleyballspiel organisieren müsste. Er erzählt, dass niemand da ist, weil alle irgendwelche verschwundenen Kühe suchen. Sind wohl Kühe weggelaufen, denke ich, wundert mich nicht, wundert mich eher, dass das so selten passiert, wo doch so große Herden immer von so kleinen Kindern gehütet werden. Das Spiel findet dann doch statt, die Leute kommen nach und nach. Während des Spiels läuft eine Gruppe von Männern vorbei- mit Pfeilen und Bogen in der Hand. Ich bin die ländlichen Eigenheiten schon so gewohnt, dass mir das erst später auffällt und ich mich in dem Moment nur frage, ob sie zum Spaß Tiere jagen waren. Abends kommt uns Jamesi besuchen und fragt mich, ob ich das mit den gestohlenen Kühen mitbekommen habe. Kühe gestohlen? Also, das war so.
Um vier Uhr morgens bemerkte ein Mann etwa einen halben Kilometer von uns entfernt, dass sieben seiner Kühe fehlen: er begann, eine Art Alarmruf zu schreien. Wenn man im Dorf jemanden schreien hört, dann weiß man, etwas ist passiert. Wenn in der Nacht jemand zu schreien beginnt, kann das nur bedeuten, dass Kühe gestohlen worden sind, erklärt Jamesi. Und wenn man jemanden schreien hört, schreit man mit. So verbreitet sich die Nachricht, dass etwas geschehen ist, im ganzen Dorf. Darum war morgens um vier das halbe Dorf auf den Beinen, weil der Lärm von überall kam; ich habe trotzdem geschlafen wie ein Stein und darum erst abends alles erfahren. Wenn man nun also in Erfahrung gebracht hat, was geschehen ist, ziehen alle los, um die Kühe und den Dieb zu finden. ‚Alle‘ sind alle Männer über 18 Jahren, und sie sind bewaffnet- mit Pfeil und Bogen, weil der Staat keine anderen Waffen erlaubt. So gingen auch Jamesi und sein Vater - ein 20-jähriger Abiturient und ein Lehrer - mit Pfeil und Bogen bewaffnet los, um dem Bestohlenen zu helfen. An einem solchen Tag sind alle Kühe im Stall und alle Läden geschlossen, weil die Männer unterwegs sind. Und alle machen mit, denn wer sich weigert, bekommt entweder direkte Probleme mit der Dorfgemeinschaft- oder wenn er einmal nachts schreien sollte, würde einfach niemand kommen. Sie gingen bis Basuto (also ziemlich weit), aber ohne Erfolg. Wenn um Mitternacht Kühe gestohlen werden und man bemerkt es am Morgen, gibt es wenig Hoffnung, die Diebe noch zu finden, auch wenn man den Spuren folgt. Darum fand das Spiel dann doch statt, alle waren recht früh zurück, am nächsten Tag sollte die Suche weitergehen. Die Kuehe sind bis jetzt nicht wieder aufgetaucht und sind damit verloren.
Er hat Mitleid mit dem bestohlenen Mann, sagt Jamesi. Er ist verheiratet und hat drei Kinder, vermutlich braucht er die Kühe dringend, um sein Feld zu bestellen, und das Geld, das er bekommt, wenn er die Kühe an andere Leute für ihre Felder vermietet. Vermutlich waren sie auch hart verdient- eine Kuh kostet bis zu umgerechnet 500 €. Aber Diebstahl geschieht meist auch aus einer harten Notsituation heraus. Pfeil und Bogen klingt komischer, als es ist- Diebe werden umgebracht. Auf dem Land wohl mit Speeren, in der Stadt werden sie mit Benzin übergossen und angezündet. Und das ist keine Ausnahme, Freiwillige aus Karatu haben davon erzählt wie auch Tansanis selbst. Wenn dann die Polizei kommt, natürlich zu spät, heißt es, er wurde von den Einwohnern umgebracht- wen also soll man bestrafen? Doch der Dieb weiß das davor. Der Gedanke ist: Wenn er weitermacht wie bisher, wird er sterben. Wird er erwischt, wird er auch sterben, aber wenn nicht besteht die Chance, zu überleben.
Der bestohlene Mann gehört außerdem zum Stamm der Nyiramba. Kuhdiebstahl prägt die Vergangenheit dieses Stammes besonders in Mwanga. Vor 30 Jahren hat es einen großen Stammeskrieg zwischen Nyiramba und Barbaiq gegeben, bei dem viele Menschen ums Leben kamen. Die Ursache: einer hatte dem anderen Kühe gestohlen, wer wen beklaut hat variiert wohl nach dem, wen man danach fragt. Heute ist Frieden, heißt es, aber schon vor ein paar Jahren hat ein neuer Diebstahl den Konflikt neu entflammt. Ein Mnyiramba wurde bestohlen, er beschuldigte die Barbaiq und nahm sich willkürlich die Kühe eines Barbaiqkindes in der Nähe von Katesh. Wieder gab es Streit, wieder starben Menschen - ‚nur ein paar, weniger als 5‘, sagte Jamesi - wieder wurde alles irgendwie geregelt. Jamesi glaubt nicht, dass daraus jetzt wieder ein größerer Streit wird; Maria sagt, man wisse es nicht. Aber bei der Suche geholfen hat das ganze Dorf, also alle Stämme. Wanyiramba wie Wairaqw (so wie Jamesi und meine Familie)- und Wabarbaiq, bestätigte er nach kurzem Zögern.
Ein paar Tage spaeter ist alles beim Alten. Genau genommen war nicht einmal das etwas besonderes fuer die Mwanganer, mir wurde gesagt, dass mir im Laufe des Tages niemand davon erzaehlt hat, weil man es fuer zu bedeutungslos hielt. Ansonsten wurde gestern der Weihnachtsbaum weggeworfen, naechste Woche geht die Schule wieder los, alles nimmt seinen gewohnten Gang.
Euch allen ein frohes Neues!
Donnerstag, 29. Dezember 2011
Weihnachten in Tansania
Mein letzter Blogeintrag wurde in Singida von einem Virus gefressen, darum beginne ich übergangslos mit dem letzten größeren Thema in meinem Leben: Weihnachten.
Adventszeit
Am 28.11. brachen Jonas und ich auf zu unserer Reise durch Nordtansania. Den ersten Advent feierte ich also noch zu Hause. Dafür, dass Advent hier nicht gefeiert wird, wurde es weihnachtlicher als erwartet. Ich hatte aus einem runden Stück Karton, Tonpapier und zwei durchgebrochenen Kerzen einen Adventskranz improvisiert und die Konstruktion erklärt, darauf wurde gleich die Aufgabe verteilt, wer an welchem Sonntag welche Kerze anzündet. Nach dem Essen brannte die erste Kerze neben einer Öllampe, Maria und ich stimmten Weihnachtslieder an. Dazu bekam meine Familie einen Adventskalender (bei dem später irgendetwas mit der Benutzung schief gelaufen ist, was habe ich bis heute nicht erfahren). Die weitere Adventszeit wurde also so unweihnachtlich, wie man es sich in Regenwald und Savanne vorstellen kann. Die zweite Kerze wurde in einem Kranz aus Mangoblättern und Grünzeug am Ufer des Tanganikasees angezündet, gefeiert wurde mit Ananas, Reis und Schwimmen unter Sternenhimmel. Die dritte Kerze brannte in einem Bierdeckel in Karatu, nach drei Tagen Tiersafari in Serengeti und Ngorongoro-Krater, und die vierte wurde gar nicht mehr angezündet, weil es am nächsten Morgen früh von Arusha zurück nach Mwanga gehen sollte. Dabei erinnerten in Arusha schon einige kleine Läden, voll mit Plastikbäumen und kitschigem Weihnachtsschmuck, an das kommende Fest, und in der Bar unseres Gästehauses liefen ab und zu „Jingle Bells“ und „Mary’s Bornchild“. Ebenso im Radio unseres Minibusses, der uns am 19.12. zurück in die Heimat brachte.
23. Dezember
Weihnachten begann mit einem Fest der Dispensary, das jedes Jahr gefeiert wird. Morgens wurden die Ziegen geschlachtet, dann den ganzen Tag gekocht, um 15.00 begannen die Feierlichkeiten mit genauem Zeitplan, der auch nur mit einer halben Stunde Verspätung fast eingehalten wurde. Der eingeladene Priester kam zu spät, darum wurde, nach den kurzen Anfangsreden von Dr. Simon und dem gemeinsamem Singen und Beten, das Essen vorgezogen (Pilau- also Reis mit Fleisch gekocht-, Reis, Salat aus Kohl und Tomaten, Kartoffeln und natürlich Soda). Priester Paskali kam, als fast nichts mehr für ihn übrig war, und da das Essen im Mittelpunkt eines jeden Festes steht, waren seine Rede und damit die Feierlichkeiten recht schnell vorbei. Es wurde noch ein bisschen während des Aufräumens gesungen und ich schrieb mir einige Lieder für zu Hause auf.
24. Dezember
Morgens wurde das Haus geschmückt, also packte ich mein (mir von meinen Eltern geschicktes) Paket voller Plastikweihnachtsschmuck aus. Aber es kam super an: je kitschiger, desto besser, und als das halbe Wohnzimmer umgeräumt wurde, um Platz für den Baum zu machen, das Zimmer zu putzen und überall Lametta und Girlanden aufzuhängen war die Stimmung trotz 30 Grad Außentemperatur tatsächlich weihnachtlich. Besonders beliebt war der im Schlitten sitzendende und mit Batterien singende und fahrende Weihnachtsmann, der seit Jahren irgendwie von allen ungewollt bei uns im Wohnzimmer rumgestanden hatte. Und einen echten Weihnachtsbaum gab es tatsächlich. Mittags zog ich mit Lucy los in den Busch (also ein paar Meter von unserem Haus weg), um einen Baum zu fällen. Dieser kleine Busch sieht tatsächlich aus wie ein etwas magerer deutscher Tannenbaum, hat statt Nadeln aber dünne weiche Blätter und Dornen. Mit Weihnachtsschmuck ist kaum ein Unterschied zu erkennen.
Weihnachten beginnt hier in der Nacht auf den 25. Dezember. Da wir an diesem Tag gerade drei Deutsche im Dorf waren- mit uns Mara, die Freiwillige des letzten Jahres, die noch in Tansania lebt- beschlossen wir, im kleinen Kreis deutsches Heiligabend zu feiern. Die Weihnachtsgeschichte wurde vorgelesen, wir sangen deutsche Weihnachtslieder und bei Christstollen, Plätzchen und Schokolade (alles Geschenke aus Deutschland) gab es eine ganz kleine Bescherung.
Danach ging es tansanisch weiter. Es war schon nach acht, das Essen kochte noch, der Gottesdienst begann offiziell um halb zehn und meine halbe Familie (die, die nicht schliefen), Mara und ich kamen eine halbe Stunde zu spät und damit genau pünktlich nach den Rosenkränzen zum Gottesdienst. Dieser war nun wie alle anderen Gottesdienste, nur, da nachts, viel anstrengender. Im Halbschlaf bekam ich mit, dass die Weihnachtsgeschichte auf Swahili vorgelesen wurde und es in den Liedern um Jesus Geburt ging. Aber die Messe war kurz; alle freuten sich, dass es dieses Jahr ‘nur‘ 2,5 Stunden gedauert hatte. Nun war also offiziell Weihnachten.
25. Dezember
Um sieben morgens waren alle längst auf den Beinen. Die Ziege, die anlässlich des Festes geschlachtet werden sollte, stand seit dem Abend angebunden an einem Baum vor dem Haus. Ich wollte zusehen und war bei dem gesamten Vorhang dabei; als sie dann anfingen, die fertig zerlegte Ziege zu würfeln, bin ich irgendwann gegangen. (Vegetarier bin ich übrigens immer noch. Anlässlich des Feiertags kochte ich mir aus sibirischen Steinpilzen aus Deutschland und einer Fertigsoße aus dem letzten Paket meiner Eltern eine Soße für den Reis ohne Fleisch, der gewöhnlich auch bei keinem Fest fehlt.) Die andere Hälfte der Familie so wie die meisten anderen gingen vormittags (wieder) in die Kirche. Ich erklärte, dass man bei uns nur am 24. in die Kirche geht, und blieb zu Hause. Und das erwartete große Fest- blieb aus. Selbst als die Messe vorbei war verstreuten sich alle in alle Himmelsrichtungen, das Fleisch (als Pilau zubereitet) wurde auf dem Sprung gegessen. Seit wir angekommen waren, hatte es nicht mehr geregnet, und die Hitze motivierte auch nicht zu großen Unternehmungen, darum wurde die meiste Zeit mit Nichtstun verbracht, während das Radio immer wieder die zwei gängigen englischen Weihnachtslieder spielte. Das einzige, was abends daran erinnerte, dass heute ein Fest war, waren die Sodas, die wir zum Abendessen aus dem Laden mitgebracht hatten.
26. Dezember
Das änderte sich auch am zweiten Weihnachtsfeiertag nicht. Mittags waren wir zu dritt bei Martha, einer Schwesternhelferin der Dispensary, beim Essen eingeladen. Ihre Weihnachtsecke war schön geschmückt mit besagten Weihnachtsbaumzweigen, angewelkten lila Blumen und über die Jahre gesammelten Glückwunschkarten. Man aß, man unterhielt sich eine Weile und ging wieder. Auf diese Art besuchten Mara, Jonas und ich noch gegenseitig unsere Gastfamilien. Geschenkt wurde sich gegenseitig nichts, von Maria bekam ich eine Weihnachtskarte, was bereits außergewöhnlich war. Abends beim Kochen sangen wir die Weihnachtslieder durch, die ich mir beim Weihnachtsfest abgeschrieben hatte- „We wish you a Merry Christmas“ auf Kiswahili wird uns vermutlich noch bis weit ins neue Jahr begleiten. Wir aßen in einer kleinen Runde, dazwischen kamen mein Gastbruder und Freunde und aßen die Reste der Ziege, den Kopf in diesem Fall, im Vorhof auf, verschwanden dann wieder in der Dunkelheit- und die Feiertage waren zu Ende.
Für Neujahr war nun bereits seit Wochen geplant und lange organisiert, nach Sansibar zu fahren. Nachdem ich also bei jeder Gelegenheit angegeben habe, Silvester an Traumstränden zu verbringen, habe ich mich einen Tag vor Abfahrt dafür entschieden, im verregneten Mwanga zu bleiben. Denn eigentlich ist es gerade großartig hier. Seit dem Beginn der Regenzeit hat sich alles unglaublich verändert. Innerhalb eines halben Monats war alles grün geworden, vor unserer Reise Ende November wuchs bereits Gras, man begann, die Felder zu bestellen. Jetzt wächst der Mais auf den Feldern, um den nun Wasser führenden Fluss sieht es aus wie im botanischen Garten, alles ist voller Leben. Aber vor allem sind gerade alle Secondaryschüler aus den Städten im Dorf, um die Feiertage bei den Eltern zu verbringen und auf dem Feld zu helfen. Mitte Januar, wenn bei allen wieder die Schulen anfangen, wird Mwanga sehr leer werden. Für diese Zeit habe ich auch einige Pläne, aber dazu ein anderes mal mehr.
In diesem Sinne wünsche ich nachträglich Heri ya Kristmasi und ein frohes Neues!
Adventszeit
Am 28.11. brachen Jonas und ich auf zu unserer Reise durch Nordtansania. Den ersten Advent feierte ich also noch zu Hause. Dafür, dass Advent hier nicht gefeiert wird, wurde es weihnachtlicher als erwartet. Ich hatte aus einem runden Stück Karton, Tonpapier und zwei durchgebrochenen Kerzen einen Adventskranz improvisiert und die Konstruktion erklärt, darauf wurde gleich die Aufgabe verteilt, wer an welchem Sonntag welche Kerze anzündet. Nach dem Essen brannte die erste Kerze neben einer Öllampe, Maria und ich stimmten Weihnachtslieder an. Dazu bekam meine Familie einen Adventskalender (bei dem später irgendetwas mit der Benutzung schief gelaufen ist, was habe ich bis heute nicht erfahren). Die weitere Adventszeit wurde also so unweihnachtlich, wie man es sich in Regenwald und Savanne vorstellen kann. Die zweite Kerze wurde in einem Kranz aus Mangoblättern und Grünzeug am Ufer des Tanganikasees angezündet, gefeiert wurde mit Ananas, Reis und Schwimmen unter Sternenhimmel. Die dritte Kerze brannte in einem Bierdeckel in Karatu, nach drei Tagen Tiersafari in Serengeti und Ngorongoro-Krater, und die vierte wurde gar nicht mehr angezündet, weil es am nächsten Morgen früh von Arusha zurück nach Mwanga gehen sollte. Dabei erinnerten in Arusha schon einige kleine Läden, voll mit Plastikbäumen und kitschigem Weihnachtsschmuck, an das kommende Fest, und in der Bar unseres Gästehauses liefen ab und zu „Jingle Bells“ und „Mary’s Bornchild“. Ebenso im Radio unseres Minibusses, der uns am 19.12. zurück in die Heimat brachte.
23. Dezember
Weihnachten begann mit einem Fest der Dispensary, das jedes Jahr gefeiert wird. Morgens wurden die Ziegen geschlachtet, dann den ganzen Tag gekocht, um 15.00 begannen die Feierlichkeiten mit genauem Zeitplan, der auch nur mit einer halben Stunde Verspätung fast eingehalten wurde. Der eingeladene Priester kam zu spät, darum wurde, nach den kurzen Anfangsreden von Dr. Simon und dem gemeinsamem Singen und Beten, das Essen vorgezogen (Pilau- also Reis mit Fleisch gekocht-, Reis, Salat aus Kohl und Tomaten, Kartoffeln und natürlich Soda). Priester Paskali kam, als fast nichts mehr für ihn übrig war, und da das Essen im Mittelpunkt eines jeden Festes steht, waren seine Rede und damit die Feierlichkeiten recht schnell vorbei. Es wurde noch ein bisschen während des Aufräumens gesungen und ich schrieb mir einige Lieder für zu Hause auf.
24. Dezember
Morgens wurde das Haus geschmückt, also packte ich mein (mir von meinen Eltern geschicktes) Paket voller Plastikweihnachtsschmuck aus. Aber es kam super an: je kitschiger, desto besser, und als das halbe Wohnzimmer umgeräumt wurde, um Platz für den Baum zu machen, das Zimmer zu putzen und überall Lametta und Girlanden aufzuhängen war die Stimmung trotz 30 Grad Außentemperatur tatsächlich weihnachtlich. Besonders beliebt war der im Schlitten sitzendende und mit Batterien singende und fahrende Weihnachtsmann, der seit Jahren irgendwie von allen ungewollt bei uns im Wohnzimmer rumgestanden hatte. Und einen echten Weihnachtsbaum gab es tatsächlich. Mittags zog ich mit Lucy los in den Busch (also ein paar Meter von unserem Haus weg), um einen Baum zu fällen. Dieser kleine Busch sieht tatsächlich aus wie ein etwas magerer deutscher Tannenbaum, hat statt Nadeln aber dünne weiche Blätter und Dornen. Mit Weihnachtsschmuck ist kaum ein Unterschied zu erkennen.
Weihnachten beginnt hier in der Nacht auf den 25. Dezember. Da wir an diesem Tag gerade drei Deutsche im Dorf waren- mit uns Mara, die Freiwillige des letzten Jahres, die noch in Tansania lebt- beschlossen wir, im kleinen Kreis deutsches Heiligabend zu feiern. Die Weihnachtsgeschichte wurde vorgelesen, wir sangen deutsche Weihnachtslieder und bei Christstollen, Plätzchen und Schokolade (alles Geschenke aus Deutschland) gab es eine ganz kleine Bescherung.
Danach ging es tansanisch weiter. Es war schon nach acht, das Essen kochte noch, der Gottesdienst begann offiziell um halb zehn und meine halbe Familie (die, die nicht schliefen), Mara und ich kamen eine halbe Stunde zu spät und damit genau pünktlich nach den Rosenkränzen zum Gottesdienst. Dieser war nun wie alle anderen Gottesdienste, nur, da nachts, viel anstrengender. Im Halbschlaf bekam ich mit, dass die Weihnachtsgeschichte auf Swahili vorgelesen wurde und es in den Liedern um Jesus Geburt ging. Aber die Messe war kurz; alle freuten sich, dass es dieses Jahr ‘nur‘ 2,5 Stunden gedauert hatte. Nun war also offiziell Weihnachten.
25. Dezember
Um sieben morgens waren alle längst auf den Beinen. Die Ziege, die anlässlich des Festes geschlachtet werden sollte, stand seit dem Abend angebunden an einem Baum vor dem Haus. Ich wollte zusehen und war bei dem gesamten Vorhang dabei; als sie dann anfingen, die fertig zerlegte Ziege zu würfeln, bin ich irgendwann gegangen. (Vegetarier bin ich übrigens immer noch. Anlässlich des Feiertags kochte ich mir aus sibirischen Steinpilzen aus Deutschland und einer Fertigsoße aus dem letzten Paket meiner Eltern eine Soße für den Reis ohne Fleisch, der gewöhnlich auch bei keinem Fest fehlt.) Die andere Hälfte der Familie so wie die meisten anderen gingen vormittags (wieder) in die Kirche. Ich erklärte, dass man bei uns nur am 24. in die Kirche geht, und blieb zu Hause. Und das erwartete große Fest- blieb aus. Selbst als die Messe vorbei war verstreuten sich alle in alle Himmelsrichtungen, das Fleisch (als Pilau zubereitet) wurde auf dem Sprung gegessen. Seit wir angekommen waren, hatte es nicht mehr geregnet, und die Hitze motivierte auch nicht zu großen Unternehmungen, darum wurde die meiste Zeit mit Nichtstun verbracht, während das Radio immer wieder die zwei gängigen englischen Weihnachtslieder spielte. Das einzige, was abends daran erinnerte, dass heute ein Fest war, waren die Sodas, die wir zum Abendessen aus dem Laden mitgebracht hatten.
26. Dezember
Das änderte sich auch am zweiten Weihnachtsfeiertag nicht. Mittags waren wir zu dritt bei Martha, einer Schwesternhelferin der Dispensary, beim Essen eingeladen. Ihre Weihnachtsecke war schön geschmückt mit besagten Weihnachtsbaumzweigen, angewelkten lila Blumen und über die Jahre gesammelten Glückwunschkarten. Man aß, man unterhielt sich eine Weile und ging wieder. Auf diese Art besuchten Mara, Jonas und ich noch gegenseitig unsere Gastfamilien. Geschenkt wurde sich gegenseitig nichts, von Maria bekam ich eine Weihnachtskarte, was bereits außergewöhnlich war. Abends beim Kochen sangen wir die Weihnachtslieder durch, die ich mir beim Weihnachtsfest abgeschrieben hatte- „We wish you a Merry Christmas“ auf Kiswahili wird uns vermutlich noch bis weit ins neue Jahr begleiten. Wir aßen in einer kleinen Runde, dazwischen kamen mein Gastbruder und Freunde und aßen die Reste der Ziege, den Kopf in diesem Fall, im Vorhof auf, verschwanden dann wieder in der Dunkelheit- und die Feiertage waren zu Ende.
Für Neujahr war nun bereits seit Wochen geplant und lange organisiert, nach Sansibar zu fahren. Nachdem ich also bei jeder Gelegenheit angegeben habe, Silvester an Traumstränden zu verbringen, habe ich mich einen Tag vor Abfahrt dafür entschieden, im verregneten Mwanga zu bleiben. Denn eigentlich ist es gerade großartig hier. Seit dem Beginn der Regenzeit hat sich alles unglaublich verändert. Innerhalb eines halben Monats war alles grün geworden, vor unserer Reise Ende November wuchs bereits Gras, man begann, die Felder zu bestellen. Jetzt wächst der Mais auf den Feldern, um den nun Wasser führenden Fluss sieht es aus wie im botanischen Garten, alles ist voller Leben. Aber vor allem sind gerade alle Secondaryschüler aus den Städten im Dorf, um die Feiertage bei den Eltern zu verbringen und auf dem Feld zu helfen. Mitte Januar, wenn bei allen wieder die Schulen anfangen, wird Mwanga sehr leer werden. Für diese Zeit habe ich auch einige Pläne, aber dazu ein anderes mal mehr.
In diesem Sinne wünsche ich nachträglich Heri ya Kristmasi und ein frohes Neues!
Samstag, 5. November 2011
Clinic III
Kidarafa ist ein Dorf, das etwa 10 km von Mwanga entfernt liegt. Einmal im Monat fahren wir von der St. Agnes Health Station in die Kidarafa Dispensary, um dort Kinder zu wiegen und zu impfen. Neulich war ich zum ersten mal bei diesem Ausflug dabei. Um also mal einen Einblick in meine Arbeit zu geben, kann man sich das in etwa so vorstellen:
Morgens fuhren wir, bepackt mit zwei Wasserkanistern, der Kühltruhe mit den Impfungen, unseren Protokollbüchern und Einwegspritzen & Co. mit unserem Krankenwagen nach Kidarafa. Als wir ankamen wartete bereits eine Gruppe von Müttern vor der verschlossenen Tür. Diese Krankenstation ist ein kleines Haus, das fast mitten im Busch liegt, mit zwei Räumen, von denen sich der erste direkt nach dem Aufschließen zu füllen begann. Die Waage wurde aufgehängt, Stühle an den Schreibtisch gestellt, doch bevor ich anfangen konnte, wurde ich von der bedeutungsschweren Stimme Sylvias in Raum II, den späteren Impfraum, gerufen: zu allererst müssen wir Tee trinken. Also trinken wir als allererstes Tee und essen Chapati, während die Menschendichte in Raum I allmählich Festivalniveau beim Headliner erreicht. Schließlich, gestärkt und wie immer einem Zuckerschock nahe, kann es losgehen.
Dass diesmal vier Leute für die Schreibarbeit, die sonst einer erledigt, zuständig sind, hätte mir gleich zu denken geben sollen. Ich soll nur Moskitonetze schreiben. Als die Bahn (->Waage) freigegeben wird, komme ich bald damit schon kaum hinterher.
Der Raum ist voll mit Müttern und ihren Kindern. Frauen in T-Shirts und Blusen, Jacketts, Röcken, Kindern in ihren Hängeehöschen und vor allem mit unzähligen Tüchern in allen erdenklichen Farben und Mustern um Kopf, Schultern, Hüfte oder Kind oder alles zusammen. Immer wieder landen Karten der Kinder auf dem Tisch- wie Maria den Überblick behält, welche Karte zu welchem Kind gehört, weiß ich nicht. Es gibt keine Reihenfolge, außer in der Nähe der Tür zu den Impfungen, wo langsam eine Schlange wächst. Drinnen, weiß ich von unseren Impf-Dienstagen, an denen es ähnlich aussieht wie heute, wird am Fließband getropft und gespritzt: Ein Blick auf die Karten, welche Impfungen benötigt wird, dann die Reihe mit den Kindern mit Polio durchlaufen, dann DPT, BCG und Surua spritzen, und die Frauen und Kinder dürfen gehen.
Was man sich denken kann: Kinder mögen keine Spritzen. Auf die Waage gehängt werden mögen sie auch nicht. Und wenn Kinder etwas nicht mögen, dann weinen sie. Hinter mir die Impfungen, vor mir die Waage. Während sich manche Kinder nur verwirrt umsehen und abgehängt werden, bevor sie das Unheil realisieren, brüllen andere aus vollem Hals, was bei ab halbjährigen Stimmbändern bemerkenswert laut werden kann. Die Fragen Marias nach den Karten, die Sylvias nach Namen sowie die durcheinanderrufenden Stimmen der Mütter rücken bei dieser Geräuschkulisse in den Hintergrund.
Viele Kinder werden seit Monaten in Gesundheitsstationen gewogen und haben immer noch kein Netz bekommen. Viele Kinder sind zum ersten mal da. Also schreibe ich, dreimal den Namen des Kindes, fünf mal ein Datum, zwei mal den Dorfchef, sechs mal meinen eigenen Namen und so weiter. Bevor meine Hand verkrampft ist das Rezeptebuch leer: ein zweites wurde vergessen. Also keine Moskitonetze mehr für die Kinder, und mein Job wir noch unübersichtlicher. Hier ein Kind registrieren, da ein Gewicht eintragen (dass ich es ohne Kontaktlinsen nicht ablesen kann macht es nicht leichter). Und der Ansturm scheint kein Ende zu nehmen: nach drei Stunden ist es genauso voll wie am Anfang. Irgendein Kind, das offensichtlich bereits feste Nahrung zu sich nimmt, hat sich erbrochen. Ein Dreijähriger wird gewogen und beginnt zu brüllen…
Um halb zwei lichtet sich das Meer von Tüchern. Bald verklingt das Geschrei des letzten Kindes in der Ferne. Unsere Arbeit ist getan. Wir können (eine Stunde später durch Verspätung des Krankenwagens) nach Hause.
Natürlich sieht die Arbeit nicht jeden Tag so aus, sonst würde ich vermutlich wahnsinnig werden. Meistens kümmert sich auch jemand anders um die Kinder und ich nehme Schwangere auf. Und die meiste Zeit ist bei uns auch so wenig los, dass ich mich mehr mit Vokabeln und Tagträumereien beschäftige als mit Patienten. Seit ich Maria außerdem gesagt habe, dass ich nicht so viel Ruhe brauche, dass ich nicht zu den Geburten kommen könnte, werde ich auch wieder zum Assistieren (oder vielmehr Zusehen) gerufen.
Nach wie vor gehen die verbliebenen sechs Stunden Licht immer zu schnell vorbei, um alles zu schaffen, was ich machen will (von den Hitzetiefs ganz zu schweigen). Dazu habe ich seit wenigen Wochen dienstags und donnerstags zusätzlich feste Pläne.
Jonas hatte die Idee, in der Kolpingschule- deren Klassenräume wir benutzen dürfen und in der er nachmittags Englisch unterrichtet- Nachhilfe in Sprachen zu geben. Also haben wir ein Plakat ausgehängt, dass wir an diesen Tagen um vier denen Englisch und Deutsch beibringen, die Interesse haben. Nachdem wir die ersten zwei male allein im Klassezimmer saßen, haben wir eine von mal zu mal steigende Anzahl an Nachhilfeschülern. Zwei mal kam sogar der junge Pfarrer der Kirche, um ein paar Floskeln auf Deutsch zu lernen. Dieser hat auch bei der Abschlussfeier der Kolpingschule ordentlich Werbung für uns gemacht: es sei genau das Richtige für die, die die Primary School abgeschlossen haben und in drei Monaten auf die Secondary gehen werden. Denn obwohl sie sieben Jahre Englisch in der Schule gehabt und eigentlich auch zentrale Prüfungen in dem Fach geschrieben haben, können die Schüler praktisch kein Englisch. Ein paar Vokabeln sind da, mit den Zeiten fangen wir quasi von vorne an. Das ist insofern problematisch, als dass in (guten) Secondary Schools ausschließlich auf Englisch unterrichtet wird (werden sollte), und viele so keine Chance haben, im Unterricht mitzukommen. Das Bildungssystem bräuchte aber eigentlich ein eigenes Kapitel, und es ist Jonas, der durch seinen Unterricht an der Primary School direkt mitbekommt, was dort so alles schief läuft.
Die Nachhilfe jedenfalls kommt sehr gut an- wenn die Klasse allerdings weiter so schnell wächst, werden wir uns etwas einfallen lassen müssen, um den Sinn der Sache noch zu erfüllen.
Ansonsten verläuft das Landleben ruhig. Nachdem mir der Hahn mittlerweile morgens ziemlich auf die Nerven ging, hat sich das Problem diese Woche von selbst gelöst, als es nach zwei Monaten zum ersten mal Fleisch in meiner Familie gab. Meinen zweiten erfolgreichen Tag hatte ich, als mir an einem Tag gleich zwei mal gesagt wurde, dass ich Swahili kann. (Hat sich seither durch gegenteilige Kommentare aber auch schon wieder relativiert.) Ich arbeite daran, meine Gastmutter dazu zu bringen, einen Esel zu wollen, und wenn bald die Regenzeit (diesmal wirklich) losgeht und es Felder zu bearbeiten gibt, könnte ich Erfolg haben. Und ein neues Album mit neuen Bildern aus einem neuen Land gibt es --> hier.
Beste Grüße aus Singida diesmal,
Olga
Morgens fuhren wir, bepackt mit zwei Wasserkanistern, der Kühltruhe mit den Impfungen, unseren Protokollbüchern und Einwegspritzen & Co. mit unserem Krankenwagen nach Kidarafa. Als wir ankamen wartete bereits eine Gruppe von Müttern vor der verschlossenen Tür. Diese Krankenstation ist ein kleines Haus, das fast mitten im Busch liegt, mit zwei Räumen, von denen sich der erste direkt nach dem Aufschließen zu füllen begann. Die Waage wurde aufgehängt, Stühle an den Schreibtisch gestellt, doch bevor ich anfangen konnte, wurde ich von der bedeutungsschweren Stimme Sylvias in Raum II, den späteren Impfraum, gerufen: zu allererst müssen wir Tee trinken. Also trinken wir als allererstes Tee und essen Chapati, während die Menschendichte in Raum I allmählich Festivalniveau beim Headliner erreicht. Schließlich, gestärkt und wie immer einem Zuckerschock nahe, kann es losgehen.
Dass diesmal vier Leute für die Schreibarbeit, die sonst einer erledigt, zuständig sind, hätte mir gleich zu denken geben sollen. Ich soll nur Moskitonetze schreiben. Als die Bahn (->Waage) freigegeben wird, komme ich bald damit schon kaum hinterher.
Der Raum ist voll mit Müttern und ihren Kindern. Frauen in T-Shirts und Blusen, Jacketts, Röcken, Kindern in ihren Hängeehöschen und vor allem mit unzähligen Tüchern in allen erdenklichen Farben und Mustern um Kopf, Schultern, Hüfte oder Kind oder alles zusammen. Immer wieder landen Karten der Kinder auf dem Tisch- wie Maria den Überblick behält, welche Karte zu welchem Kind gehört, weiß ich nicht. Es gibt keine Reihenfolge, außer in der Nähe der Tür zu den Impfungen, wo langsam eine Schlange wächst. Drinnen, weiß ich von unseren Impf-Dienstagen, an denen es ähnlich aussieht wie heute, wird am Fließband getropft und gespritzt: Ein Blick auf die Karten, welche Impfungen benötigt wird, dann die Reihe mit den Kindern mit Polio durchlaufen, dann DPT, BCG und Surua spritzen, und die Frauen und Kinder dürfen gehen.
Was man sich denken kann: Kinder mögen keine Spritzen. Auf die Waage gehängt werden mögen sie auch nicht. Und wenn Kinder etwas nicht mögen, dann weinen sie. Hinter mir die Impfungen, vor mir die Waage. Während sich manche Kinder nur verwirrt umsehen und abgehängt werden, bevor sie das Unheil realisieren, brüllen andere aus vollem Hals, was bei ab halbjährigen Stimmbändern bemerkenswert laut werden kann. Die Fragen Marias nach den Karten, die Sylvias nach Namen sowie die durcheinanderrufenden Stimmen der Mütter rücken bei dieser Geräuschkulisse in den Hintergrund.
Viele Kinder werden seit Monaten in Gesundheitsstationen gewogen und haben immer noch kein Netz bekommen. Viele Kinder sind zum ersten mal da. Also schreibe ich, dreimal den Namen des Kindes, fünf mal ein Datum, zwei mal den Dorfchef, sechs mal meinen eigenen Namen und so weiter. Bevor meine Hand verkrampft ist das Rezeptebuch leer: ein zweites wurde vergessen. Also keine Moskitonetze mehr für die Kinder, und mein Job wir noch unübersichtlicher. Hier ein Kind registrieren, da ein Gewicht eintragen (dass ich es ohne Kontaktlinsen nicht ablesen kann macht es nicht leichter). Und der Ansturm scheint kein Ende zu nehmen: nach drei Stunden ist es genauso voll wie am Anfang. Irgendein Kind, das offensichtlich bereits feste Nahrung zu sich nimmt, hat sich erbrochen. Ein Dreijähriger wird gewogen und beginnt zu brüllen…
Um halb zwei lichtet sich das Meer von Tüchern. Bald verklingt das Geschrei des letzten Kindes in der Ferne. Unsere Arbeit ist getan. Wir können (eine Stunde später durch Verspätung des Krankenwagens) nach Hause.
Natürlich sieht die Arbeit nicht jeden Tag so aus, sonst würde ich vermutlich wahnsinnig werden. Meistens kümmert sich auch jemand anders um die Kinder und ich nehme Schwangere auf. Und die meiste Zeit ist bei uns auch so wenig los, dass ich mich mehr mit Vokabeln und Tagträumereien beschäftige als mit Patienten. Seit ich Maria außerdem gesagt habe, dass ich nicht so viel Ruhe brauche, dass ich nicht zu den Geburten kommen könnte, werde ich auch wieder zum Assistieren (oder vielmehr Zusehen) gerufen.
Nach wie vor gehen die verbliebenen sechs Stunden Licht immer zu schnell vorbei, um alles zu schaffen, was ich machen will (von den Hitzetiefs ganz zu schweigen). Dazu habe ich seit wenigen Wochen dienstags und donnerstags zusätzlich feste Pläne.
Jonas hatte die Idee, in der Kolpingschule- deren Klassenräume wir benutzen dürfen und in der er nachmittags Englisch unterrichtet- Nachhilfe in Sprachen zu geben. Also haben wir ein Plakat ausgehängt, dass wir an diesen Tagen um vier denen Englisch und Deutsch beibringen, die Interesse haben. Nachdem wir die ersten zwei male allein im Klassezimmer saßen, haben wir eine von mal zu mal steigende Anzahl an Nachhilfeschülern. Zwei mal kam sogar der junge Pfarrer der Kirche, um ein paar Floskeln auf Deutsch zu lernen. Dieser hat auch bei der Abschlussfeier der Kolpingschule ordentlich Werbung für uns gemacht: es sei genau das Richtige für die, die die Primary School abgeschlossen haben und in drei Monaten auf die Secondary gehen werden. Denn obwohl sie sieben Jahre Englisch in der Schule gehabt und eigentlich auch zentrale Prüfungen in dem Fach geschrieben haben, können die Schüler praktisch kein Englisch. Ein paar Vokabeln sind da, mit den Zeiten fangen wir quasi von vorne an. Das ist insofern problematisch, als dass in (guten) Secondary Schools ausschließlich auf Englisch unterrichtet wird (werden sollte), und viele so keine Chance haben, im Unterricht mitzukommen. Das Bildungssystem bräuchte aber eigentlich ein eigenes Kapitel, und es ist Jonas, der durch seinen Unterricht an der Primary School direkt mitbekommt, was dort so alles schief läuft.
Die Nachhilfe jedenfalls kommt sehr gut an- wenn die Klasse allerdings weiter so schnell wächst, werden wir uns etwas einfallen lassen müssen, um den Sinn der Sache noch zu erfüllen.
Ansonsten verläuft das Landleben ruhig. Nachdem mir der Hahn mittlerweile morgens ziemlich auf die Nerven ging, hat sich das Problem diese Woche von selbst gelöst, als es nach zwei Monaten zum ersten mal Fleisch in meiner Familie gab. Meinen zweiten erfolgreichen Tag hatte ich, als mir an einem Tag gleich zwei mal gesagt wurde, dass ich Swahili kann. (Hat sich seither durch gegenteilige Kommentare aber auch schon wieder relativiert.) Ich arbeite daran, meine Gastmutter dazu zu bringen, einen Esel zu wollen, und wenn bald die Regenzeit (diesmal wirklich) losgeht und es Felder zu bearbeiten gibt, könnte ich Erfolg haben. Und ein neues Album mit neuen Bildern aus einem neuen Land gibt es --> hier.
Beste Grüße aus Singida diesmal,
Olga
Sonntag, 23. Oktober 2011
Clinic II
Der Ablauf einer Untersuchung: Nachdem ich Gewicht und Blutdruck der Schwangeren auf ihrer Karte notiert habe, geht sie hinter einen Vorhang zur Krankenschwester. Mit einem Blick ins Auge wird Anämie getestet, die Beine werden auf Ödeme untersucht. Die Größe des Fötus wird mit einem Maßband vom meist im unteren Bauchbereich ertasteten Kopf bis zum ebenfalls erfühlten Ende gemessen. Liegt der verschoben, wird eine Gymnastikübung aufgegeben, die die Lage des Fötus nach einer Woche meist richtet. Dann wird der Bauch nach dem Herzschlag des Kindes abgehört, die Mutter gefragt, ob sich das Kind im Bauch bewegt, und die Mutter kann gehen.
Beim ersten Besuch in der Klinik gibt es nach der Untersuchung eine Tablette. Maria sagt, die ist gegen den Appetit der Frauen auf Schlamm, den sie während der Schwangerschaft häufig verspüren. (Korrektur von Anja: Sie kriegen Mebendazole als Prophylaxe gegen Würmer, die könnten nämlich auch dem Kind schaden. Und das mit dem "Schlamm" stimmt so nicht ganz. "Odongo" ist Lehm und enthält ganz viel Eisen - etwas, das die Frauen besonders in der Schwangerschaft brauchen (Eisen für die Produktion der roten roten Blutkörperchen, der Körper braucht ja während der Schwangerschaft auch mehr Blut), aber mit der Nahrung kaum aufnehmen. Deshalb essen sie Odongo, der allerdings auch noch Würmer enthalten können. Also: Mebendazole. Und sie kriegen (wenns vorrätig ist, was es bei mir eher selten war) Eisendragees, damit sie eben keinen Odongo essen müssen.) Theoretisch müssten die Frauen beim ersten mal gynäkologisch untersucht werden, aber normal wird es ihnen nur angeboten und das Angebot abgelehnt.
Bei Problemen während der Geburt wird die Frau ins Krankenhaus in Haidom gefahren. Eine Geburt im Krankenhaus wird bei riskanten Schwangerschaften generell empfohlen: bei Frauen unter 20 oder über 35, bei besonders kleinen Frauen oder besonders großen Babys, bei falscher Lage etc. Meistens entscheiden sich die Frauen trotzdem für eine Geburt in der Gesundheitsstation. Sie müssten selbst nach Haidom fahren, 30 km, entweder mit dem Fahrrad oder mit dem Bus, sagt Maria. Bei akuten Problemen gibt es einen Wagen zum Transport nach Haidom, der hinterher aber bezahlt werden muss, 17 Euro umgerechnet. Falls das Geld nicht gezahlt werden kann, muss die Station die Kosten übernehmen.
Zu den Kosten: Schwangere und Kinder bis 5 haben Anspruch auf kostenlose Behandlung, für Impfungen und Untersuchungen zahlen sie nichts. Untersuchungen im Labor bei Krankheit müssen bezahlt werden. Ein paar Beispiele: Urinprobe 25 ct, Blutprobe für Malariatest 25 ct, Stuhlprobe 50 ct, Test auf Salmonellen 1 €. Syphillis ist ein anderes Beispiel. Wird bei einer Schwangeren Syphillis festgestellt, gibt es normaler weise bereitgestellte Medikamente, die nur 30 ct kosten. Manchmal ist davon aber nicht genug vorhanden und das HC muss selbst die Medikamente kaufen, dann muss die Frau den vollen Preis zahlen.
Neulich hatte ich meinen erfolgreichsten Tag bisher. Ich war zum ersten mal alleine beim Empfang der Mütter und habe bis auf ein Geburtsdatum (mit ‚gestern‘ hatte ich nicht gerechnet) keine Hilfe gebraucht. Maria war im Untersuchungszimmer, ich habe die Impfungen gemacht. Zur Krönung des Ganzen habe ich während der Teepause so etwas wie Smalltalk mit Dr. Simon und einer Schwester halten können.
Ansonsten habe ich letztens, als unsere Laborassistentin krank war, eine Woche mit Schwester Clelia im Labor gearbeitet. Meine Aufgabe war wieder einmal, alles in irgendwelche Bücher zu schreiben. Aber so habe ich Malaria, sowie Trichomonas Vaginalis und andere (Bakterien-)Zellen unter dem Mikroskop sehen können und weiß nun, was ich mit Blut-, Stuhl- und Urinproben für welchen Test anfangen müsste. Da Schwester Clelia so viel Englisch spricht wie ich Swahili, war die Arbeit nicht allzu kommunikativ, aber trotzdem (oder gerade deshalb) eine angenehme Pause vom Moskitonetze verschreiben..
Am meisten Spaß macht die Arbeit aber in der Clinic mit Maria. Sie ruft mich zu den Untersuchungen, zeigt viel, erklärt viel, und das auf Englisch und ohne regelmäßige Vorwürfe, warum ich immer noch kein Swahili kann. Generell ist Maria ein Schatz. Sie beantwortete alle Fragen mit einer Engelsgeduld, hat für alles Verständnis, ist immer fröhlich und macht auch mal beim Seilspringen mit meinen Schwestern und mir im Hof mit.
Nach der Arbeit bleiben 6 Stunden Tageslicht fuer Freizeit und Hausarbeit, meistens ueberwiegt zweites. Mir fehlt eigentlich weder elektronische Unterhaltung noch eine Dusche, aber die Waschmaschine vermisse ich spaetestens, seit mir die Seife die Haut wegaetzt. ;)
Beste Gruesse,
Olga
Beim ersten Besuch in der Klinik gibt es nach der Untersuchung eine Tablette. Maria sagt, die ist gegen den Appetit der Frauen auf Schlamm, den sie während der Schwangerschaft häufig verspüren. (Korrektur von Anja: Sie kriegen Mebendazole als Prophylaxe gegen Würmer, die könnten nämlich auch dem Kind schaden. Und das mit dem "Schlamm" stimmt so nicht ganz. "Odongo" ist Lehm und enthält ganz viel Eisen - etwas, das die Frauen besonders in der Schwangerschaft brauchen (Eisen für die Produktion der roten roten Blutkörperchen, der Körper braucht ja während der Schwangerschaft auch mehr Blut), aber mit der Nahrung kaum aufnehmen. Deshalb essen sie Odongo, der allerdings auch noch Würmer enthalten können. Also: Mebendazole. Und sie kriegen (wenns vorrätig ist, was es bei mir eher selten war) Eisendragees, damit sie eben keinen Odongo essen müssen.) Theoretisch müssten die Frauen beim ersten mal gynäkologisch untersucht werden, aber normal wird es ihnen nur angeboten und das Angebot abgelehnt.
Bei Problemen während der Geburt wird die Frau ins Krankenhaus in Haidom gefahren. Eine Geburt im Krankenhaus wird bei riskanten Schwangerschaften generell empfohlen: bei Frauen unter 20 oder über 35, bei besonders kleinen Frauen oder besonders großen Babys, bei falscher Lage etc. Meistens entscheiden sich die Frauen trotzdem für eine Geburt in der Gesundheitsstation. Sie müssten selbst nach Haidom fahren, 30 km, entweder mit dem Fahrrad oder mit dem Bus, sagt Maria. Bei akuten Problemen gibt es einen Wagen zum Transport nach Haidom, der hinterher aber bezahlt werden muss, 17 Euro umgerechnet. Falls das Geld nicht gezahlt werden kann, muss die Station die Kosten übernehmen.
Zu den Kosten: Schwangere und Kinder bis 5 haben Anspruch auf kostenlose Behandlung, für Impfungen und Untersuchungen zahlen sie nichts. Untersuchungen im Labor bei Krankheit müssen bezahlt werden. Ein paar Beispiele: Urinprobe 25 ct, Blutprobe für Malariatest 25 ct, Stuhlprobe 50 ct, Test auf Salmonellen 1 €. Syphillis ist ein anderes Beispiel. Wird bei einer Schwangeren Syphillis festgestellt, gibt es normaler weise bereitgestellte Medikamente, die nur 30 ct kosten. Manchmal ist davon aber nicht genug vorhanden und das HC muss selbst die Medikamente kaufen, dann muss die Frau den vollen Preis zahlen.
Neulich hatte ich meinen erfolgreichsten Tag bisher. Ich war zum ersten mal alleine beim Empfang der Mütter und habe bis auf ein Geburtsdatum (mit ‚gestern‘ hatte ich nicht gerechnet) keine Hilfe gebraucht. Maria war im Untersuchungszimmer, ich habe die Impfungen gemacht. Zur Krönung des Ganzen habe ich während der Teepause so etwas wie Smalltalk mit Dr. Simon und einer Schwester halten können.
Ansonsten habe ich letztens, als unsere Laborassistentin krank war, eine Woche mit Schwester Clelia im Labor gearbeitet. Meine Aufgabe war wieder einmal, alles in irgendwelche Bücher zu schreiben. Aber so habe ich Malaria, sowie Trichomonas Vaginalis und andere (Bakterien-)Zellen unter dem Mikroskop sehen können und weiß nun, was ich mit Blut-, Stuhl- und Urinproben für welchen Test anfangen müsste. Da Schwester Clelia so viel Englisch spricht wie ich Swahili, war die Arbeit nicht allzu kommunikativ, aber trotzdem (oder gerade deshalb) eine angenehme Pause vom Moskitonetze verschreiben..
Am meisten Spaß macht die Arbeit aber in der Clinic mit Maria. Sie ruft mich zu den Untersuchungen, zeigt viel, erklärt viel, und das auf Englisch und ohne regelmäßige Vorwürfe, warum ich immer noch kein Swahili kann. Generell ist Maria ein Schatz. Sie beantwortete alle Fragen mit einer Engelsgeduld, hat für alles Verständnis, ist immer fröhlich und macht auch mal beim Seilspringen mit meinen Schwestern und mir im Hof mit.
Nach der Arbeit bleiben 6 Stunden Tageslicht fuer Freizeit und Hausarbeit, meistens ueberwiegt zweites. Mir fehlt eigentlich weder elektronische Unterhaltung noch eine Dusche, aber die Waschmaschine vermisse ich spaetestens, seit mir die Seife die Haut wegaetzt. ;)
Beste Gruesse,
Olga
Sonntag, 2. Oktober 2011
Das neuste aus Mwanga
Ein kleiner Einblick in das Gesundheitswesen Tansanias:
Wenn eine Schwangere zu uns auf die Gesundheitsstation kommt, bekommt sie eine Karte, in die in Zukunft alle Untersuchungsergebnisse geschrieben werden. Hierzu wird sie unter anderem nach dem Namen, Beruf, Bildungsstand, Ehemann, Alter und Dorfoberhaupt gefragt. Dazu gibt es ein Rezept fuer ein Moskitonetz, das sie fuer umgerechnet 25 Cent abholen kann. Von da an kommt sie monatlich, erst zur eigenen Untersuchung, spaeter zu der des Kindes. Ein Kind bekommt einen Monat nach der Geburt eine Karte bzw. ein Blatt Papier, auf das in Zukunft Impfungen und Gewicht eingetragen werden. Auf den frueheren Karten ist dazu noch ein Diagramm, das aussagt, ob das Gewicht im Bezug auf Alter im normalen (gruenen) oder kritischen (grau und rot) liegt. Die Impfungen werden zusaetzlich in einem Buch protokolliert. Geimpft werden: 1x BCG (Tuberkulose), 3x Polio und DPT (Diphterie, Tetanus, Keuchhusten) und 1x Masern nach neun Monaten.
Morgens um acht treffen sich die Mitarbeiter zum gemeinsamen Beten, danach werden die Untersuchungsraeume gefegt und es kann losgehen. Meine Aufgabe ist nun vor allem: Protokollieren. Moskitonetzrezepte schreiben, Moskitonetze ins Buch eintragen, Impfungen zaehlen und eintragen, Karten fuer Frauen und Kinder schreiben, Kinder registrieren, ausserdem Gewicht der Frauen und Kinder aufschreiben und Blutdruck der Schwangeren messen. Wenn dann mal, wie am BCG-Impftag Dienstag, der Warteraum voll ist, nimmt das Protokollieren kein Ende mehr. Zusaetzlich wird vieles auf einer Liste gezaehlt: Anzahl der Kinder aus Mwanga unter und ueber einem Jahr, Anzahl der Kinder aus umliegenden Doerfern, Anzahl der einzelnen Impfungen, der Kinder mit einem Gewicht im grauen Bereich und denen im Roten. Fuer ein Moskitonetz muss eine Frau im Buch unterschreiben, das Rezept erhalten zu haben; falls sie nicht schreiben kann, wird ein Daumenabdruck genommen. Die Kinder haben alle eine eigene genaehte Hose, in der sie auf eine Waage gehaengt werden. Am Donnerstag wurde mir gezeigt, wie man impft: Polio als Schluckimpfung, Tetanus und DPT als Spritze (die direkt danach entsorgt wird). Allerdings gibt es so viel an Schreibarbeit, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass das eine meiner Aufgaben werden wird. Um eins schliesst die Clinik und damit endet meine Schicht, ab da sind nur noch eine Schwester und ein Arzt auf Bereitschaft im Haus.
Es gibt hier im Monat nicht unter 25 Geburten, sagte eine Schwester. Die erste habe ich am Dienstag gesehen.
Die Gesundheitsstation hat ausserdem fliessendes Wasser durch die Energie einer Windmuehle, im Labor fuer Blut- und Urintests Strom durch Solarzellen und ein Auto, das die Schwangere bei Geburtskomplikationen ins 30 km entfernte Krankenhaus von Haidom fahren kann. Dieser Wagen kann (wie heute) auch mal zum Taxi umfunktioniert werden und Mitarbeiter und deren Freunde nach Haidom mitnehmen...
Bilanz nach einer Woche: Wenn man das ganze Buchsystem verstanden hat ist alles nicht so schwer. Die einzige Herausforderung bleibt die Sprache, in der Freizeit noch mehr als bei der Arbeit. Ich frage mich, wie ich von den paar Vokabeln, die ich am Tag lerne, einmal Swahili sprechen koennen will. Meine Gasteltern und die meisten Schwestern sprechen Englisch, was alles fuer den Anfang ziemlich erleichtert, aber zu nicht Swahili sprechenden Menschen ist der Kontakt bisher fast unmoeglich.
Das ist aber auch das einzige Problem hier, alles andere laeuft so gut, wie ich es nie erwartet haette. Meine Gastfamilie ist grossartig. Ich habe ein eigenes Zimmer mit Schreibtisch, eine eigene Oellampe fuer den Abend und die besten Gastschwestern- und Cousinen, die es gibt. Spielen ist wahrscheinlich das einzige, das ohne Sprache noch mehr Spass macht, und Tanzen bei Radiomusik ist die beste Unterhaltung. Mein Wecker ist unser Haushahn, der ab halb sechs morgens im Minutentakt kraeht. Was Tiere betrifft hat Jonas aber die interessanteren Geschichten zu erzaehlen: bei ihm gibt es fast jeden Abend Alarm wegen fremden Hunden oder Hyaenen auf dem Grundstueck, er hat durch die Herde seiner Gastfamilie regelmaessig zerlegte Kuehe vor dem Fenster und vorgestern fand er neben dem Wassertank seiner Familie eine Giftschlange, die daraufhin wohl ziemlich eindrucksvoll getoetet wurde.
Ansonsten beginnt hier gerade, einen Monat zu frueh, die Regenzeit. Die ersten Akazienknospen spriessen, Mt. Hanna liegt jeden Morgen eindrucksvoll in den Wolken, es summen die ersten Muecken um das Mosiktonetz und bald werden manche Strassen unpassierbar. Aber eigentlich bin ich auch nur wegen den Berichten fuer Kolping im Netz, auf die sich alle zukuenftigen Weltwaertsler freuen duerfen.
Zuletzt: Kennt jemand Klatschspiele wie "Die Schule hat gebrannt-brannt-brannt" oder aehnliches? Bitte um Emails. :)
Guten Tag, habari za mchana und lawo tlatlaang,
Olga
Wenn eine Schwangere zu uns auf die Gesundheitsstation kommt, bekommt sie eine Karte, in die in Zukunft alle Untersuchungsergebnisse geschrieben werden. Hierzu wird sie unter anderem nach dem Namen, Beruf, Bildungsstand, Ehemann, Alter und Dorfoberhaupt gefragt. Dazu gibt es ein Rezept fuer ein Moskitonetz, das sie fuer umgerechnet 25 Cent abholen kann. Von da an kommt sie monatlich, erst zur eigenen Untersuchung, spaeter zu der des Kindes. Ein Kind bekommt einen Monat nach der Geburt eine Karte bzw. ein Blatt Papier, auf das in Zukunft Impfungen und Gewicht eingetragen werden. Auf den frueheren Karten ist dazu noch ein Diagramm, das aussagt, ob das Gewicht im Bezug auf Alter im normalen (gruenen) oder kritischen (grau und rot) liegt. Die Impfungen werden zusaetzlich in einem Buch protokolliert. Geimpft werden: 1x BCG (Tuberkulose), 3x Polio und DPT (Diphterie, Tetanus, Keuchhusten) und 1x Masern nach neun Monaten.
Morgens um acht treffen sich die Mitarbeiter zum gemeinsamen Beten, danach werden die Untersuchungsraeume gefegt und es kann losgehen. Meine Aufgabe ist nun vor allem: Protokollieren. Moskitonetzrezepte schreiben, Moskitonetze ins Buch eintragen, Impfungen zaehlen und eintragen, Karten fuer Frauen und Kinder schreiben, Kinder registrieren, ausserdem Gewicht der Frauen und Kinder aufschreiben und Blutdruck der Schwangeren messen. Wenn dann mal, wie am BCG-Impftag Dienstag, der Warteraum voll ist, nimmt das Protokollieren kein Ende mehr. Zusaetzlich wird vieles auf einer Liste gezaehlt: Anzahl der Kinder aus Mwanga unter und ueber einem Jahr, Anzahl der Kinder aus umliegenden Doerfern, Anzahl der einzelnen Impfungen, der Kinder mit einem Gewicht im grauen Bereich und denen im Roten. Fuer ein Moskitonetz muss eine Frau im Buch unterschreiben, das Rezept erhalten zu haben; falls sie nicht schreiben kann, wird ein Daumenabdruck genommen. Die Kinder haben alle eine eigene genaehte Hose, in der sie auf eine Waage gehaengt werden. Am Donnerstag wurde mir gezeigt, wie man impft: Polio als Schluckimpfung, Tetanus und DPT als Spritze (die direkt danach entsorgt wird). Allerdings gibt es so viel an Schreibarbeit, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass das eine meiner Aufgaben werden wird. Um eins schliesst die Clinik und damit endet meine Schicht, ab da sind nur noch eine Schwester und ein Arzt auf Bereitschaft im Haus.
Es gibt hier im Monat nicht unter 25 Geburten, sagte eine Schwester. Die erste habe ich am Dienstag gesehen.
Die Gesundheitsstation hat ausserdem fliessendes Wasser durch die Energie einer Windmuehle, im Labor fuer Blut- und Urintests Strom durch Solarzellen und ein Auto, das die Schwangere bei Geburtskomplikationen ins 30 km entfernte Krankenhaus von Haidom fahren kann. Dieser Wagen kann (wie heute) auch mal zum Taxi umfunktioniert werden und Mitarbeiter und deren Freunde nach Haidom mitnehmen...
Bilanz nach einer Woche: Wenn man das ganze Buchsystem verstanden hat ist alles nicht so schwer. Die einzige Herausforderung bleibt die Sprache, in der Freizeit noch mehr als bei der Arbeit. Ich frage mich, wie ich von den paar Vokabeln, die ich am Tag lerne, einmal Swahili sprechen koennen will. Meine Gasteltern und die meisten Schwestern sprechen Englisch, was alles fuer den Anfang ziemlich erleichtert, aber zu nicht Swahili sprechenden Menschen ist der Kontakt bisher fast unmoeglich.
Das ist aber auch das einzige Problem hier, alles andere laeuft so gut, wie ich es nie erwartet haette. Meine Gastfamilie ist grossartig. Ich habe ein eigenes Zimmer mit Schreibtisch, eine eigene Oellampe fuer den Abend und die besten Gastschwestern- und Cousinen, die es gibt. Spielen ist wahrscheinlich das einzige, das ohne Sprache noch mehr Spass macht, und Tanzen bei Radiomusik ist die beste Unterhaltung. Mein Wecker ist unser Haushahn, der ab halb sechs morgens im Minutentakt kraeht. Was Tiere betrifft hat Jonas aber die interessanteren Geschichten zu erzaehlen: bei ihm gibt es fast jeden Abend Alarm wegen fremden Hunden oder Hyaenen auf dem Grundstueck, er hat durch die Herde seiner Gastfamilie regelmaessig zerlegte Kuehe vor dem Fenster und vorgestern fand er neben dem Wassertank seiner Familie eine Giftschlange, die daraufhin wohl ziemlich eindrucksvoll getoetet wurde.
Ansonsten beginnt hier gerade, einen Monat zu frueh, die Regenzeit. Die ersten Akazienknospen spriessen, Mt. Hanna liegt jeden Morgen eindrucksvoll in den Wolken, es summen die ersten Muecken um das Mosiktonetz und bald werden manche Strassen unpassierbar. Aber eigentlich bin ich auch nur wegen den Berichten fuer Kolping im Netz, auf die sich alle zukuenftigen Weltwaertsler freuen duerfen.
Zuletzt: Kennt jemand Klatschspiele wie "Die Schule hat gebrannt-brannt-brannt" oder aehnliches? Bitte um Emails. :)
Guten Tag, habari za mchana und lawo tlatlaang,
Olga
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