Samstag, 5. November 2011

Clinic III

Kidarafa ist ein Dorf, das etwa 10 km von Mwanga entfernt liegt. Einmal im Monat fahren wir von der St. Agnes Health Station in die Kidarafa Dispensary, um dort Kinder zu wiegen und zu impfen. Neulich war ich zum ersten mal bei diesem Ausflug dabei. Um also mal einen Einblick in meine Arbeit zu geben, kann man sich das in etwa so vorstellen:
Morgens fuhren wir, bepackt mit zwei Wasserkanistern, der Kühltruhe mit den Impfungen, unseren Protokollbüchern und Einwegspritzen & Co. mit unserem Krankenwagen nach Kidarafa. Als wir ankamen wartete bereits eine Gruppe von Müttern vor der verschlossenen Tür. Diese Krankenstation ist ein kleines Haus, das fast mitten im Busch liegt, mit zwei Räumen, von denen sich der erste direkt nach dem Aufschließen zu füllen begann. Die Waage wurde aufgehängt, Stühle an den Schreibtisch gestellt, doch bevor ich anfangen konnte, wurde ich von der bedeutungsschweren Stimme Sylvias in Raum II, den späteren Impfraum, gerufen: zu allererst müssen wir Tee trinken. Also trinken wir als allererstes Tee und essen Chapati, während die Menschendichte in Raum I allmählich Festivalniveau beim Headliner erreicht. Schließlich, gestärkt und wie immer einem Zuckerschock nahe, kann es losgehen.
Dass diesmal vier Leute für die Schreibarbeit, die sonst einer erledigt, zuständig sind, hätte mir gleich zu denken geben sollen. Ich soll nur Moskitonetze schreiben. Als die Bahn (->Waage) freigegeben wird, komme ich bald damit schon kaum hinterher.
Der Raum ist voll mit Müttern und ihren Kindern. Frauen in T-Shirts und Blusen, Jacketts, Röcken, Kindern in ihren Hängeehöschen und vor allem mit unzähligen Tüchern in allen erdenklichen Farben und Mustern um Kopf, Schultern, Hüfte oder Kind oder alles zusammen. Immer wieder landen Karten der Kinder auf dem Tisch- wie Maria den Überblick behält, welche Karte zu welchem Kind gehört, weiß ich nicht. Es gibt keine Reihenfolge, außer in der Nähe der Tür zu den Impfungen, wo langsam eine Schlange wächst. Drinnen, weiß ich von unseren Impf-Dienstagen, an denen es ähnlich aussieht wie heute, wird am Fließband getropft und gespritzt: Ein Blick auf die Karten, welche Impfungen benötigt wird, dann die Reihe mit den Kindern mit Polio durchlaufen, dann DPT, BCG und Surua spritzen, und die Frauen und Kinder dürfen gehen.
Was man sich denken kann: Kinder mögen keine Spritzen. Auf die Waage gehängt werden mögen sie auch nicht. Und wenn Kinder etwas nicht mögen, dann weinen sie. Hinter mir die Impfungen, vor mir die Waage. Während sich manche Kinder nur verwirrt umsehen und abgehängt werden, bevor sie das Unheil realisieren, brüllen andere aus vollem Hals, was bei ab halbjährigen Stimmbändern bemerkenswert laut werden kann. Die Fragen Marias nach den Karten, die Sylvias nach Namen sowie die durcheinanderrufenden Stimmen der Mütter rücken bei dieser Geräuschkulisse in den Hintergrund.
Viele Kinder werden seit Monaten in Gesundheitsstationen gewogen und haben immer noch kein Netz bekommen. Viele Kinder sind zum ersten mal da. Also schreibe ich, dreimal den Namen des Kindes, fünf mal ein Datum, zwei mal den Dorfchef, sechs mal meinen eigenen Namen und so weiter. Bevor meine Hand verkrampft ist das Rezeptebuch leer: ein zweites wurde vergessen. Also keine Moskitonetze mehr für die Kinder, und mein Job wir noch unübersichtlicher. Hier ein Kind registrieren, da ein Gewicht eintragen (dass ich es ohne Kontaktlinsen nicht ablesen kann macht es nicht leichter). Und der Ansturm scheint kein Ende zu nehmen: nach drei Stunden ist es genauso voll wie am Anfang. Irgendein Kind, das offensichtlich bereits feste Nahrung zu sich nimmt, hat sich erbrochen. Ein Dreijähriger wird gewogen und beginnt zu brüllen…
Um halb zwei lichtet sich das Meer von Tüchern. Bald verklingt das Geschrei des letzten Kindes in der Ferne. Unsere Arbeit ist getan. Wir können (eine Stunde später durch Verspätung des Krankenwagens) nach Hause.

Natürlich sieht die Arbeit nicht jeden Tag so aus, sonst würde ich vermutlich wahnsinnig werden. Meistens kümmert sich auch jemand anders um die Kinder und ich nehme Schwangere auf. Und die meiste Zeit ist bei uns auch so wenig los, dass ich mich mehr mit Vokabeln und Tagträumereien beschäftige als mit Patienten. Seit ich Maria außerdem gesagt habe, dass ich nicht so viel Ruhe brauche, dass ich nicht zu den Geburten kommen könnte, werde ich auch wieder zum Assistieren (oder vielmehr Zusehen) gerufen.

Nach wie vor gehen die verbliebenen sechs Stunden Licht immer zu schnell vorbei, um alles zu schaffen, was ich machen will (von den Hitzetiefs ganz zu schweigen). Dazu habe ich seit wenigen Wochen dienstags und donnerstags zusätzlich feste Pläne.
Jonas hatte die Idee, in der Kolpingschule- deren Klassenräume wir benutzen dürfen und in der er nachmittags Englisch unterrichtet- Nachhilfe in Sprachen zu geben. Also haben wir ein Plakat ausgehängt, dass wir an diesen Tagen um vier denen Englisch und Deutsch beibringen, die Interesse haben. Nachdem wir die ersten zwei male allein im Klassezimmer saßen, haben wir eine von mal zu mal steigende Anzahl an Nachhilfeschülern. Zwei mal kam sogar der junge Pfarrer der Kirche, um ein paar Floskeln auf Deutsch zu lernen. Dieser hat auch bei der Abschlussfeier der Kolpingschule ordentlich Werbung für uns gemacht: es sei genau das Richtige für die, die die Primary School abgeschlossen haben und in drei Monaten auf die Secondary gehen werden. Denn obwohl sie sieben Jahre Englisch in der Schule gehabt und eigentlich auch zentrale Prüfungen in dem Fach geschrieben haben, können die Schüler praktisch kein Englisch. Ein paar Vokabeln sind da, mit den Zeiten fangen wir quasi von vorne an. Das ist insofern problematisch, als dass in (guten) Secondary Schools ausschließlich auf Englisch unterrichtet wird (werden sollte), und viele so keine Chance haben, im Unterricht mitzukommen. Das Bildungssystem bräuchte aber eigentlich ein eigenes Kapitel, und es ist Jonas, der durch seinen Unterricht an der Primary School direkt mitbekommt, was dort so alles schief läuft.
Die Nachhilfe jedenfalls kommt sehr gut an- wenn die Klasse allerdings weiter so schnell wächst, werden wir uns etwas einfallen lassen müssen, um den Sinn der Sache noch zu erfüllen.

Ansonsten verläuft das Landleben ruhig. Nachdem mir der Hahn mittlerweile morgens ziemlich auf die Nerven ging, hat sich das Problem diese Woche von selbst gelöst, als es nach zwei Monaten zum ersten mal Fleisch in meiner Familie gab. Meinen zweiten erfolgreichen Tag hatte ich, als mir an einem Tag gleich zwei mal gesagt wurde, dass ich Swahili kann. (Hat sich seither durch gegenteilige Kommentare aber auch schon wieder relativiert.) Ich arbeite daran, meine Gastmutter dazu zu bringen, einen Esel zu wollen, und wenn bald die Regenzeit (diesmal wirklich) losgeht und es Felder zu bearbeiten gibt, könnte ich Erfolg haben. Und ein neues Album mit neuen Bildern aus einem neuen Land gibt es --> hier.

Beste Grüße aus Singida diesmal,
Olga

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen