Vor kurzem geschah ein Verbrechen in Mwanga.
Für mich verlief der Tag folgendermaßen. Bereits morgens war wenig bei der Arbeit los. Ich habe eine handvoll Frauen aufgenommen, aber auch meine Kolleginnen haben sich so gelangweilt, dass wir teilweise zu fünft um den Tisch herumsaßen. An einem Mittwoch kann aber schon mal wenig los sein, also gut. Nachmittags ging ich Jonas‘ Gastfamilie besuchen. Mwanga: wie ausgestorben. Kein Mensch auf dem Platz, fast alle Geschäfte geschlossen, auch Wankembetas Tür, bei der ich jedes mal vorbeischaue, war zu. Aber gut, die Sonne knallt schon ziemlich heute, und vielleicht hab ich irgendeinen Feiertag verpasst, kann ja vorkommen. Während ich mich dann mit Lenta unterhalte, fällt mir nebenbei auf, dass die Kühe in der Boma sind und nicht draußen- aber so ganz hab ich das mit dem Kühehüten ja auch noch nicht verstanden. Ein junger Mann kommt irgendwann auf dem Fahrrad, sie sprechen ein bisschen Stammessprache, kurz danach werden die Kühe raus gelassen. Es wird später Nachmittag, ich gehe in unseren Laden und treffe dort Pasko, der um diese Uhrzeit eigentlich das Volleyballspiel organisieren müsste. Er erzählt, dass niemand da ist, weil alle irgendwelche verschwundenen Kühe suchen. Sind wohl Kühe weggelaufen, denke ich, wundert mich nicht, wundert mich eher, dass das so selten passiert, wo doch so große Herden immer von so kleinen Kindern gehütet werden. Das Spiel findet dann doch statt, die Leute kommen nach und nach. Während des Spiels läuft eine Gruppe von Männern vorbei- mit Pfeilen und Bogen in der Hand. Ich bin die ländlichen Eigenheiten schon so gewohnt, dass mir das erst später auffällt und ich mich in dem Moment nur frage, ob sie zum Spaß Tiere jagen waren. Abends kommt uns Jamesi besuchen und fragt mich, ob ich das mit den gestohlenen Kühen mitbekommen habe. Kühe gestohlen? Also, das war so.
Um vier Uhr morgens bemerkte ein Mann etwa einen halben Kilometer von uns entfernt, dass sieben seiner Kühe fehlen: er begann, eine Art Alarmruf zu schreien. Wenn man im Dorf jemanden schreien hört, dann weiß man, etwas ist passiert. Wenn in der Nacht jemand zu schreien beginnt, kann das nur bedeuten, dass Kühe gestohlen worden sind, erklärt Jamesi. Und wenn man jemanden schreien hört, schreit man mit. So verbreitet sich die Nachricht, dass etwas geschehen ist, im ganzen Dorf. Darum war morgens um vier das halbe Dorf auf den Beinen, weil der Lärm von überall kam; ich habe trotzdem geschlafen wie ein Stein und darum erst abends alles erfahren. Wenn man nun also in Erfahrung gebracht hat, was geschehen ist, ziehen alle los, um die Kühe und den Dieb zu finden. ‚Alle‘ sind alle Männer über 18 Jahren, und sie sind bewaffnet- mit Pfeil und Bogen, weil der Staat keine anderen Waffen erlaubt. So gingen auch Jamesi und sein Vater - ein 20-jähriger Abiturient und ein Lehrer - mit Pfeil und Bogen bewaffnet los, um dem Bestohlenen zu helfen. An einem solchen Tag sind alle Kühe im Stall und alle Läden geschlossen, weil die Männer unterwegs sind. Und alle machen mit, denn wer sich weigert, bekommt entweder direkte Probleme mit der Dorfgemeinschaft- oder wenn er einmal nachts schreien sollte, würde einfach niemand kommen. Sie gingen bis Basuto (also ziemlich weit), aber ohne Erfolg. Wenn um Mitternacht Kühe gestohlen werden und man bemerkt es am Morgen, gibt es wenig Hoffnung, die Diebe noch zu finden, auch wenn man den Spuren folgt. Darum fand das Spiel dann doch statt, alle waren recht früh zurück, am nächsten Tag sollte die Suche weitergehen. Die Kuehe sind bis jetzt nicht wieder aufgetaucht und sind damit verloren.
Er hat Mitleid mit dem bestohlenen Mann, sagt Jamesi. Er ist verheiratet und hat drei Kinder, vermutlich braucht er die Kühe dringend, um sein Feld zu bestellen, und das Geld, das er bekommt, wenn er die Kühe an andere Leute für ihre Felder vermietet. Vermutlich waren sie auch hart verdient- eine Kuh kostet bis zu umgerechnet 500 €. Aber Diebstahl geschieht meist auch aus einer harten Notsituation heraus. Pfeil und Bogen klingt komischer, als es ist- Diebe werden umgebracht. Auf dem Land wohl mit Speeren, in der Stadt werden sie mit Benzin übergossen und angezündet. Und das ist keine Ausnahme, Freiwillige aus Karatu haben davon erzählt wie auch Tansanis selbst. Wenn dann die Polizei kommt, natürlich zu spät, heißt es, er wurde von den Einwohnern umgebracht- wen also soll man bestrafen? Doch der Dieb weiß das davor. Der Gedanke ist: Wenn er weitermacht wie bisher, wird er sterben. Wird er erwischt, wird er auch sterben, aber wenn nicht besteht die Chance, zu überleben.
Der bestohlene Mann gehört außerdem zum Stamm der Nyiramba. Kuhdiebstahl prägt die Vergangenheit dieses Stammes besonders in Mwanga. Vor 30 Jahren hat es einen großen Stammeskrieg zwischen Nyiramba und Barbaiq gegeben, bei dem viele Menschen ums Leben kamen. Die Ursache: einer hatte dem anderen Kühe gestohlen, wer wen beklaut hat variiert wohl nach dem, wen man danach fragt. Heute ist Frieden, heißt es, aber schon vor ein paar Jahren hat ein neuer Diebstahl den Konflikt neu entflammt. Ein Mnyiramba wurde bestohlen, er beschuldigte die Barbaiq und nahm sich willkürlich die Kühe eines Barbaiqkindes in der Nähe von Katesh. Wieder gab es Streit, wieder starben Menschen - ‚nur ein paar, weniger als 5‘, sagte Jamesi - wieder wurde alles irgendwie geregelt. Jamesi glaubt nicht, dass daraus jetzt wieder ein größerer Streit wird; Maria sagt, man wisse es nicht. Aber bei der Suche geholfen hat das ganze Dorf, also alle Stämme. Wanyiramba wie Wairaqw (so wie Jamesi und meine Familie)- und Wabarbaiq, bestätigte er nach kurzem Zögern.
Ein paar Tage spaeter ist alles beim Alten. Genau genommen war nicht einmal das etwas besonderes fuer die Mwanganer, mir wurde gesagt, dass mir im Laufe des Tages niemand davon erzaehlt hat, weil man es fuer zu bedeutungslos hielt. Ansonsten wurde gestern der Weihnachtsbaum weggeworfen, naechste Woche geht die Schule wieder los, alles nimmt seinen gewohnten Gang.
Euch allen ein frohes Neues!
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