Sonntag, 13. Mai 2012

Das Gras wird allmaehlich trocken...

Es ist ruhig geworden in Mwanga.
Die Gäste aus der Schweiz sind vor Wochen abgereist, die Feiertage sind vorbei, die engsten Freunde sind nun alle weg auf Schulen in weit entfernten Städten. Was bleibt ist ein erstaunlich durchstrukturierter Tag: Wasser holen um 6.30, Arbeit in der Klinik von 8.00 bis 13.00, Englisch unterrichten von 14.00 bis 16.00, dann eine Familie besuchen/Wäsche waschen/eine Stunde Laufen und im Anschluss bis 20.00 oder 21.00 Arabischunterricht zu Hause bei Jonas oder sich in einem Laden auf dem Weg von ihm zu mir nach Hause mit Leuten unterhalten. Dann essen, duschen, lesen, schlafen. Aber hier das alles etwas im Detail:

Nach drei Wochen hatten die Schweizer ihre Arbeit beendet: das Wasser im Spital fließt, die Lampen brennen, die 10.000l-Tanks stehen stabil, und so wurde ihnen zu Ehren eine Abschiedsfeier organisiert. An einem Dienstag nach der Arbeit versammelten sich Angestellte, Gäste und Schaulustige vor der Dispensary zum Fest. Eingeleitet wurde das Ganze von etwa 50 tanzenden, singenden, die Speere hoch tragenden Barbaigmännern, die auch bei ihren späteren Tänzen der interessanteste Programmpunkt für die europäischen und tansanischen Gäste waren. Am Abend zuvor wurde extra für die Herren noch ein Lied geschrieben und bei der Feierlichkeit von vier Schwestern vorgesungen, Geschenke wurden von den Arbeitern der Klinik (Kunstschnitzereien), den Barbaig (traditionelle Decken) und den Nyiramba (eine Ziege) als Dank überreicht. Während sich die Gäste nach dem Essen recht schnell verabschiedeten und, von Jonas und mir mit ihren Geschenken begleitet, noch zwischen der Barbaiggruppe tanzend nach Hause gebracht wurden, wurde vor der Klinik noch einige Zeit fröhlich im Tanz weitergesprungen, bis das Fest für beendet erklärt wurde. Am nächsten Tag fuhren die Schweizer davon, und mit ihnen die Techniker und Technikschüler, an die man sich irgendwie schon gewöhnt hatte. Da war die Mission auf einmal ganz schön leer ohne sie.

Die Arbeit in der Klinik hat sich seit einiger Zeit vervielfacht. Das hat vor allem zwei Gründe: einmal haben wir nach etwa einem halben Jahr neue Moskitonetzrezepte und Karten für die Kinder bekommen. In diese offiziellen Karten trägt man Namen, Geburtstag etc. des Kindes ein, sowie die Impfdaten und in eine schöne grün-grau-rote Tabelle das Gewicht des Kindes im jeweiligen Monat. Bis dahin haben die Mütter das Nötigste auf Zettel geschrieben bekommen. Und da so eine Karte noch zur Einschulung des Kindes erforderlich sein wird möchte jede Mutter ihren Zettel in eine solche Karte eintauschen. Das bedeutet für uns an der Rezeption: Unmengen von Schreibarbeit. Der andere Grund ist, dass es nun auf dem Feld keine Arbeit mehr gibt. Jetzt kommen nur noch die Ernten, und die Mütter haben Zeit, ihre Kinder mal wieder zum Wiegen zu bringen.
Um nun ein bisschen vor den täglich anfallenden Bergen von Karten und Moskitonetzzetteln zu flüchten- und da ich ja von Anfang an schon mit dem Labor liebäugel- habe ich nun begonnen, eben dort häufiger zu arbeiten. Das heißt, ich hab mich getraut zu bitten, dort mehr als nur Schreibarbeit machen zu dürfen. Und so springe ich nun wie meine zwei Kolleginnen und mein Kollege durch das Labor und pikse Kinder für Blutproben in die Finger, nehme Blut ab, schicke Leute mit keinen Dosen aufs Klo, teste selbst Typhus und Brucellar und schaffe es auch schon, Malaria unterm Mikroskop zu erkennen, da bei wenig Patienten genug Zeit ist, mir alles zu erklaeren und nachzukontrollieren. Dass uns vor einiger Zeit die Einweghandschuhe ausgegangen sind ist dabei das einzige Problem. Das findet mein Kollege nicht so wild und nimmt auch ohne Handschuhe den Patienten Blut ab, für Warmduscher wie mich gibt es aber immer noch sterile Handschuhe, die ich stattdessen verwende..

Mein zweiter Job nun ist seit einigen Wochen jener Unterricht der Pfarrer. Theoretisch treffe ich mich jeden Tag mit drei Erwachsenen und drei Kindern um zwei in der Schule, praktisch kommt meist nur die Hälfte (oder nur einer) und diese eine halbe bis ganze Stunde zu spät. Aber Spaß macht es trotzdem. Mit den Kindern weiß ich zwar nicht so viel anzufangen; sie haben die Grundschule (7 Jahre) nicht bestanden und sitzen dafür in diesem Secondary-Ersatzunterricht, ihr Level ist bei null, sie trauen sich nicht, mit mir zu sprechen und kommen nur etwa jedes fünfte mal. Aber die Erwachsenen sind motiviert und machen jede Übung, ohne sich zu beschweren, und ich meine, mir schon kleine Fortschritte einbilden zu können.

Das neuste aus der Landwirtschaft: Im Moment werden Zwiebeln geerntet, aber da wir unter Wairaqw leben und diese keine Zwiebeln anbauen, bekomme ich davon nur am Rande etwas mit (wenn ich beispielsweise den Bus verpasse und von einem Lastwagen mit Zwiebeln, die hier zusammengesammelt und dann nach Arusha gebracht werden, mitgenommen werde). Die dominierenden Früchte auf den Märkten sind nun Guaven und im Haus der Schwestern reifen Granatäpfel und Mandarinen. Unsere Familien aber beschäftigen gerade in erster Linie Sonnenblumen. Die Sonnenblumenernte neigt sich dem Ende zu. Die letzten Blumen trocknen vor sich hin, die meisten Felder sind bereits zu einem sonnenblumenkopflosen Stoppelfeld geworden. In meiner Familie wurde die Ernte komplett von bezahlten Arbeitern übernommen. Während die Blumen tagelang vor dem Haus auf einem Berg zum Trocknen auslagen hat jede Nacht ein betrunkener Barbaigmann auf ihnen als Wache geschlafen, damit niemand die Ernte klaut. Drei Tage lang haben Männer die Kerne aus den Blumen geschlagen und Frauen die Kerne von Staub und Stein befreit. Nun steht die dieses Jahr sehr kleine Ernte von etwa 35 Säcken voller Kerne bei uns im Haus. Ich hab es noch nicht geschafft, meiner Gastschwester das großzügige Angebot, einen solchen Sack als Geschenk mit nach Hause zu nehmen, auszureden, und dass sich auch 20 Liter Sonnenblumenöl schlecht transportieren lassen hat sie auch noch nicht verstanden.

So siehts also aus- es wird bereits über das Abschiedsgeschenk gesprochen. Vor kurzem bekam ich mein Rückflugticket per Email: 19. August um 3 Uhr nachts aus Dar es Salaam. Ich hätte fast im Internetcafe geweint. Als ich meiner Gastmutter sagte, dass ich nur noch vier Monate hier bin, hat sie sich selbst erschrocken. Die Zeit soll sich zurückdrehen, sagte sie, und das wäre wirklich das Beste. Liebe zukünftigen Tansania-Freiwillige, es war nicht schwer, sich an das Leben hier zu gewöhnen. Aber wie ich es wieder verlassen soll weiß ich selbst noch nicht so genau.

Donnerstag, 19. April 2012

Mwanga - und seine Kulturen

Die Stadt Singida liegt an der Verbindungsstraße von Mwanza zu Dar es Salaam. Wenn man an dieser Straße am Kreisverkehr dem Richtungsschild Mwanza folgt, sieht man kurz darauf rechts von der guten, asphaltierten Straße eine unscheinbare Abzweigung, eine Erdstrasse, die am See von Singida vorbei in die Felder führt. Zwei mal am Tag fährt ein Bus vier Stunden über diese Straße nach Haidom, das dank eines norwegischen Krankenhauses zu recht guter Infrastruktur gekommen ist. Und wenn man in diesem Bus eine halbe Stunde früher aussteigt, dann ist man in Mwanga.

Mwanga findet man auf keiner Landkarte, dabei ist der Name zumindest in der Gegend gut bekannt. Das Dorf selbst teilt sich in zwei Dörfer: Mwanga A oder Mwanga Mission, das im „Verwaltungsbezirk“ (Wilaya) Iramba liegt und Mwanga B, das im Bezirk Hanang liegt. Das Dorf Mwanga A liegt zudem im „Stadtkreis“ (Kata) Mwanga, zu dem auch die Dörfer Msiu, Nkalankala, Malaja und Kidarafa gehören, Mwanga B liegt im Kreis Hirbadaw. Die Aufspaltung in zwei Dörfer (die vor allem bürokratische Bedeutung hat) kommt daher, dass Mwanga dicht an der Grenze von Hanang und Iramba liegt: der Fluss, an dem wir Wasser holen und in dem wir schwimmen waren, teilt die Bezirke voneinander.

Der Grund für Mwangas heutige relative Größe ist vor allem die Gesundheitsstation. Vor etwa dreißig Jahren sah es hier noch anders aus: es gab keine Felder, wo heute vereinzelt Büsche wachsen war damals noch dichter Wald, es gab keine Wellblech-, sondern nur Grasdächer auf den wenigen Häusern und Tiere wie Löwen und Giraffen wurden noch hier gesehen. Damals herrschte ein Stammeskrieg in der Gegend, und eine Gruppe weißer Schwestern eröffnete einen Ort, um den Verletzten stammesunabhängig zu helfen: das Missionsdorf Mwanga war gegründet. Heute leben viele Menschen in Mwanga Mission, entlang zweier Straßen gibt es kleine Kiosks, Esslokale und Nähläden und ein Fußball- und Volleyballplatz bringt auch Nachbarn häufig ins Dorf. Die Gesundheitsstation selbst ist seit damals gewachsen, eine Schweizer Organisation half mit Krankenwagen, Strom und Wasser und hat zuletzt ein Spital gebaut, das in Kürze eröffnet werden wird, womit auch stationär Patienten aufgenommen werden können. Jene weißen Schwestern leben mittlerweile wieder seit einigen Jahren in ihren Heimatländern, die Erinnerung an sie und die Dankbarkeit für ihre Hilfe ist aber weiterhin bei allen Leuten lebendig. Ein weiterer Grund für Mwangas Entwicklung ist die später gegründete Kolpingsfamilie. In der Kolpingschule können Jugendliche Nähen und Schreinern lernen, was wegen der niedrigen Schulgebühren eine gute Alternative zur sehr schlechten Secondary School hier in der Gegend ist.

Die Stämme

In Tansania gibt es über 120 Stämme. Die gemeinsame Sprache Kiswahili und die gemeinsame Geschichte seit den Bemühungen des ersten Präsidenten Nyerere, das Land zu einen, haben zu einem erstaunlichen Einheitsgefühl der Tansanis beigetragen, dennoch spielen Staemme gerade auf dem Land noch eine grosse Rolle. Mwanga ist da durch seine bereits erwähnte Grenzlage eine Besonderheit: Hanang ist das Land der Stämme Barbaig und Nyaturu, in Iramba leben vor allem die Stämme Nyiramba und Iraqw.

Der Stammeskrieg vor 30 Jahren herrschte zwischen den Wabarbaig1 und Wanyiramba: ein Mitglied des einen Stammes hat einem des anderen Stammes eine Kuh gestohlen, der andere hat sie sich wieder zurück genommen (wer wen zuerst bestohlen hat hängt in der Erzählung davon ab, welches Stammesmitglied man fragt), und der Krieg begann. Viele Menschen starben, das Land wurde billig; der Konflikt legte sich irgendwann, aber ganz begraben wurde er nicht. 2004 wurden erneut Kühe gestohlen und der Krieg neu entfacht, wieder starben Menschen. Aber mittlerweile scheint man sich endgültig versöhnt zu haben. Wenige Wochen, nachdem jenem Mnyiramba-Mann Kühe gestohlen wurden (siehe Eintrag von den gestohlenen Kühen), hatte man eine von diesen in der Herde eines Mbarbaig entdeckt. Ob dieser sie nun gestohlen oder auf dem Markt gekauft hatte war nicht nachzuvollziehen, die Wanyiramba hielten daraufhin ein Treffen ab, es wurde angekündigt, man würde sich seine Kühe wieder zurückholen. Am Abend vor dem angekündigten Datum trafen wir unterwegs bewaffnete Wabarbaig, die aber versicherten, es würde keinen neuen Kampf geben. Und tatsächlich: nichts geschah. Die jungen Männer der Nyiramba weigerten sich. Sie können sich nicht mehr bekämpfen, sagte eine Mnyiramba, sie haben sich schon gegenseitig geheiratet. Monatlich gibt es einen großen Markt in Mwanga A und in Hirbadaw. Früher hat man in Mwanga A keinen einzigen Mbarbaig und in Hirbadaw keinen Mnyiramba getroffen. Heute treffen sich alle gemeinsam in der Ladenstraße, grüßen sich mit Handschlag- auch wenn man weiterhin lieber unter den eigenen Leuten bleibt.

Jeder Stamm hat seine eigene Sprache, seine Kleidung, seine Tänze, seine Kultur, wie auch seine Vorurteile anderen Stämmen gegenüber- obwohl man friedlich zusammenlebt, Wairaqw-Kinder mit Wanyiramba-Kindern aufwachsen und man sich bei Festen oder Unglücksfällen als Dorf-, nicht als Stammesgemeinschaft unterstützt. An einem Abend war ein Nyiramba-Freund meiner Iraqw-Familie bei uns zu Besuch, der sehr interessiert an meiner Heimat war, bis das Gespräch auf die Stämme kam und er sich schließlich mit meiner Gastmutter ebenso angeregt über die kulturellen Unterschiede zwischen ihren jeweiligen Stämmen unterhalten hat wie anfangs über die tansanische Kultur und meine. Als ich auf einer Barbaig-Hochzeitsfeier war kam nach einiger Zeit eine junge Frau im traditionellen Barbaig-Hochzeitsgewand (ein perlenbesticktes Lederkleid) wie alle anderen, die aber ähnlich fremd unter den Frauen stand und alles ebenso verwundert beobachtete wie ich. Sie sei Mnyiramba, sagte sie mir, und hätte einen Mbarbaig geheiratete, darum das Kleid und die Einladung.
Hier aber nun eine kurze Vorstellung der drei Stämme in Mwanga:

Barbaig

Wabarbaig lassen sich auf den ersten Blick am leichtesten von den anderen unterscheiden: von ihnen tragen die allermeisten Männer und Frauen rote Ngororis (karierte Decken, die auf verschiedene Art um den Körper gewickelt werden), viele haben weit gedehnte Ohrlöcher oder kunstvolle Narben im Gesicht als Verzierung, und manchmal trifft man Frauen auch komplett geschmückt mit Perlen, mehrmals um den Hals gewickeltes Eisen, Unmengen von Metallarmbändern und im Lederkleid auf dem Weg. Man könnte sie spontan mit den Maasai verwechseln- tatsächlich waren sie früher auch Nomaden und ihre Sprache soll wohl mit der der Maasai verwandt sein. Hier in Mwanga leben sie am ursprünglichsten von allen in ihren mit Baeumen umzäumten Lehmhäusern, ueberwiegend weit verstreut im Busch der Hanang-Hügel. Eine Arbeitskollegin, selbst Mbarbaig, sagte mit, dass Mädchen nach wie vor ab 15 verheiratet werden, und in der Klinik sind es meistens sie, die ihren Namen nicht schreiben können. Unter den Wairaqw- die, mit denen ich gesprochen habe- geniessen sie einen respektvollen Ruf. Bekannt sind sie für ihre Kampfkünste, die man hier zu Zeiten des Krieges miterleben durfte. Es heißt, ein Barbaig-Mann kann 30 Wanyiramba schlagen, obwohl sie „nur“ mit Speer, Pfeil und Bogen kämpfen. Er könne, erzählte man mir, drei Pfeile auf einmal abschießen und mit allen treffen, und einen Speer werfe er so genau, dass er im Nacken des Opfers lande. Dies mag mit ein Grund sein, warum sich die Wanyiramba auf keinen neuen Krieg einlassen wollten… Einen Einblick in die bunte Seite der Kultur bekamen wir, als sie anlässlich der Abschiedsfeier für die Schweizer zum Tanzen eingeladen wurden. Über 50 Männer kamen als geschlossene Gruppe mit erhobenen Stöcken und Speeren singend zur Feier, dazu wurde auf einem Lederschild getrommelt, im Tanz sprangen sie gestreckt in die Höhe, und das stammesgemischte Publikum beobachtete alles genauso interessiert wie wir europäischen Gäste. Der Tanz der Frauen auf jener Hochzeitsfeier sah ähnlich aus, nur waren sie dort, da Männer an diesem Tag der Feier nicht kommen durften, mit dem An- und Miteinander-Tanzen viel freier und freizügiger untereinander.

Nyiramba

Als ich mich mal in Arusha mit ein paar Fremden über Stämme und ihre Eingenarten unterhielt, sagten sie über die Wanyiramba, sie seien- Waswahili2. In diesem Zusammenhang heißt das: unspektakulär, normal. Sie haben keine spezielle Kleidung, ihr Ugali kochen sie hart, aber das war es auch schon an Stammesspecials. Dafür haben sie hier einen relativ schlechten Ruf: von Wairaqw hörte ich mehrfach, sie seien es, die- auch auf die Kämpfe bezogen- den Ärger bringen. Meine kleine Gastschwester hatte Angst, ihnen im Dnkeln zu begegnen, sie hätten einen schlechten Charakter, würden andere Leute mit Steinen bewerfen. Ein anderer sagte, die Jungendlichen hätten nichts im Kopf, wollen nicht lernen, können nicht reden, wollen alles mit Gewalt erreichen. Im Kämpfen seien sie eh unterlegen, und das obwohl sie damals Feuerwaffen benutzt haben, aber wohl schlechte, selbstgebaute. Zum Glück halten solche Meinungen sie trotzdem nicht davon ab, mit Wanyiramba befreundet zu sein, und darum haben wir regelmäßige Gäste aus der Nachbarschaft zu Hause, von denen ich mit einem besonders gerne rede. Er sagte zum Beispiel, dass Frauen bei ihnen, im Gegensatz zu Iraqw und Barbaig, nicht unter dem Mann stehen. Tatsächlich ist Nyiramba der einzige der drei Stämme, bei dem weibliche Genitalbescheneidung nicht zur Tradition gehört. Landwirschaftlich sind sie es, die hier neben Mais und Sonnenblumen auch anderes anbauen wie Süßkartoffeln oder Erdnüsse. Ich habe viele Nyiramba-Freunde gefunden, Lehrer für Sprachen, Diskussionsparnter, viele sehr nette Menschen, und wurde für meinen Teil noch nie mit einem Stein beworfen.

Iraqw

Jonas‘ und meine Gastfamilien sind Wairaqw, ebenso fast alle meine Arbeitskollegen, dadurch hatten wir von Anfang an am meisten mit diesem Stamm zu tun. Und könnten von diesem am meisten erzählen: wie man Ugali so kocht, dass es weich bleibt, aber nicht klebt; wie man den Ngororistoff der Iraqw von dem Stoff der Barbaig unterscheidet (das war früher, als Ngororis noch aus Leder waren, das unterschiedlich verarbeitet wurde, einfacher…); warum man auch Schuhen aus Autoreifen die Stammesangehörigkeit ansehen kann oder dass man immer etwas zu viel Essen kochen sollte, weil jeder angekündigte oder unangekündigte Gast immer zum Essen eingeladen wird (in unserem Fall hieß das oft: mitessen muss). Gewöhnungsbedürftig ist die Sprache, wohl irgendwie mit Arabisch verwandt (vor 2000 Jahren oder so kamen die Wairaqw wohl erst aus dem Irak, dann aus Äthiopien nach Tansania), vom Klang her für uns unaussprechbar, die aber gern und viel gesprochen wird, wenn Wairaqw zusammenkommen (oder um mich zu aergern). Aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis in unserem Alter sind fast alle Wairaqw. Jugendliche, die in Großstädten auf die weiterführende Schule gehen, modern und gebildet, die sich im Dorf aber gleich den Ngorori um die Schultern werfen und die Ferien zu Hause auf dem Feld und bei den Kühen verbringen. Wer Bildung hat, der beschenidet seine Töchter nicht, der kratzt alles Geld zusammen, um seine Kinder auf gute Schulen zu schicken, und im besten Fall hilft er sogar in der Küche beim Kochen mit, obwohl er ein Mann ist. Aber was davon nun Kultur und was Persönlichkeit des einzelnen ist kann ich nicht sagen.

Was nun die kulturelle Vielfalt in Mwanga perfekt macht sind die Religionen, die man hier findet. Mwanga Mission wurde von katholischen Schwestern geleitet, die Gesundheitsstation wie Kolping sind katholisch und liegen schon örtlich nah an den Schwestern, Pfarrern und der Kirche. Aber im Dorf leben außerdem Protestanten, Moslems und Heiden, in näherer Entfernung gibt es drei evangelische Kirchen und mindestens eine Moschee. So feiern die Moslems mit den Christen gemeinsam Ostern und die Christen wissen, wie man auf arabisch Gott dankt und grüßt, beim Tischgebet bekreuzigen sich die einen, während die anderen nur die Augen schließen, und an heidnische Flüche glauben schließlich auch alle.

Das also ist Mwanga. Ein Dorf, zwei Verwaltungsbezirke, drei Stämme, vier Religionen, fünf Sprachen. Und unendlich viel zu lernen.

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1 Konjugationen sind zum Teil in Kiswahili: M- fuer ein Mitglied des jeweiligen Stammes (zB Mbarbaig), Wa- fuer mehrere Menschen (zB Wanyiramba).

2 Swahili ist oder war eigentlich ein eigener Stamm, eine Mischung vieler Kulturen, sagen Reisefuehrer. In Städten bedeutet das aber so viel wie Tansani, wenn die Stammesherkunft keine Rolle mehr spielt, die Eltern vielleicht schon zwei Stämmen angehört haben und man auch gar keine Stammessprache mehr gelernt hat, wenn nur noch die gemeinsame Sprache Kiswahili zählt und man damit genauso als Araber, Inder oder Europäer ein Teil der Gemeinschaft ist.

Freitag, 30. März 2012

Das Leben geht weiter...

Seit etwa zwei Wochen sind Jonas und ich nicht mehr die einzigen Weissen im Dorf. Mwanga hatte seit seiner Entstehung, oder vielmehr Entwicklung von Busch zum Dorf, als Missionsdorf immer wieder Gaeste und Einwohner aus Europa. So kam die Hilfswerk Bassotu Stifung zur Gesundheitsstation und hat zunaechst das Labor inklusive Solaranlagen fuer Strom gebaut, spaeter die Krankenwagen finanziert und schliesst nun das bisher groesste Projekt ab: die Wasserversorgung des neugebauten Spitals mittels elektrischer Pumpe und die Stromversorgung aller Gebaeude, inklusive Schwesternhaus.
Seit zwei Wochen habe ich darum einen dritten Job: Uebersetzen. Denn aus der Schweiz hierhergekommen sind dafuer die Herren Alois und Toni, die kein Kiswahili oder Englisch sprechen. Sie arbeiten mit tansanischen Solartechnikern und natuerlich der Stationsleitung zusammen und haben sonst einen Uebersetzer dabei, der diesmal frueh wieder gefahren ist, darum war ich oefter bei Gespraechen oder Einkaeufen in Singida dabei. Wenn ich an die erste Zeit hier denke ist es mir ein Raetsel, wie die Kommunikation die restliche Zeit funktioniert, aber man weiss sich zu helfen: die ersten deutschen Woerter, die die tansanischen Mitarbeiter konnten, waren 'kaputt' und 'gut', damit und mit ganz viel Pantomime liess sich schonmal das meiste klaeren. Bleiben nur noch die kulturell bedingten Probleme, wie zum Beispiel Zeitverstaendnis.. wenn man Kabel aus Dar es Salaam bestellt, ist eben keine Post fuer die Paketlieferung zustaendig, sondern das ganze wird in einem oeffentlichen Bus mitgeschickt, der dann wiederum auf dem Weg kaputt geht. Wenn man dafuer nun bereits zwei Stunden in die Stadt gefahren ist, und somit am naechsten Tag wiederkommen muss, wird es wirklich anstrengend. Weil man es aber nicht anders kennt, nimmt mans gelassen, laechelt und geht ein Bier trinken. Das hat Toni schon ganz richtig bemerkt, die Tansanis sparen sich ihre Nerven, egal ob auf einmal ein wichtiges Kabel nicht erhaeltlich ist oder sich die Abfahrt verzoegert, weil man noch Tee trinken muss oder ploetzlich jemand noch weggegangen ist, um sein Handy aufzuladen. Gelacht wird immer.
Die Arbeit ist nun trotzdem fast erledigt, das Geruest fuer die 10.000l-Wassertanks muss noch stabilisiert werden, ansonsten steht dem kommenden Abschiedsfest nichts mehr im Weg. Jonas und ich werden das Glueck haben, somit mal die ganzen stammeseigenen Taenze zu sehen, eigens fuer Toni und Alois wurde ein Lied geschrieben und dieses wie die Rede sind schon uebersetzt und ausgedruckt. Bis Dienstag ist noch Zeit, dann reisen die Gaeste ab. Und wir haben Wasser!

Das Leben geht also weiter.
Die Bohnenernte ist durch, als naechstes kommen die Sonnenblumen. Weil die Gegend um Singida besonders trocken ist, werden hier besonders viele Sonnenblumen angebaut. Das sieht man, wenn man mit dem Auto die Strasse entlang faehrt- was zur Trockenzeit aussah wie trockene Wildnis zu beiden Seiten der Strasse ist nun ein Meer aus Sonnenblumen, in denen vereinzelte Baeume schwimmen. Wenn ich morgens Wasser hole geht die Sonne hinter den Feldern auf und wenn wir abends laufen geht sie hinter ihnen unter.
Der Mais ist auch schon reif. Geerntet wird erst, wenn er auch getrocknet ist, aber seit drei Wochen essen wir jeden Tag den frischen Mais vom Feld neben dem Haus. Und in gegrillten Maiskolben hab ich mein Lieblingsessen gefunden. Meine Gastmutter sagte unserer Haushaltshilfe schon, sie solle den Mais vor mir verstecken, weil ich sonst das Ugali nicht anruehre... aber frische Maiskolben wird es ja noch bis Mai geben. Was fuer ein Glueck!
Dass alle Leute in Mwanga Landwirte sind faerbt uebrigens ab. Landwirtschaft ist auf Reisen mittlerweile mein liebstes Unterhaltungsthema. Statt von Deutschland zu erzaehlen rede ich mit Fremden oefter ueber Singida, was wir anbauen, wie viel Regen wir haben, wann wir Mais ernten. Vor drei Wochen hat man in Arusha zum Beispiel erst die Felder fuer den Mais bestellt, da wird aber auch zwei mal im Jahr geerntet. Auf Sansibar wird ueberhaupt kein Mais angebaut, dafuer weiss ich jetzt, dass man fuer Cassava Stoecke in die Erde steck, die dann weiterwachsen. Und wenn ich jemanden aus der Stadt treffe, der ueberhaupt keine Felder hat, reden wir ueber die Felder seiner Eltern oder Grosseltern..

Da ich nach besagten Reisen mit einer Reihe neuer Telefonnummern wiederkam und nun auf einmal doch das Beduerfnis hatte, ein bisschen oefter erreichbar zu sein, habe ich mir nun ausserdem ein neues Handy gekauft: ein nagelneues Nokia 1280, der Typ Handy, den das halbe Land verwendet. Der Akku haelt eine volle Woche und meine Gastschwester zeigte mir einen Platz in meinem Zimmer, an dem immer Empfang ist: ein paar Zentimeter ueber den Buechern auf meinem Schreibtisch. Wenn man zu weit nach links oder rechts geht ist der Empfang weg, zum telefonieren muss ich mich darum ziemlich unbequem ueber den Tisch beugen und gehe doch lieber zum Baum vor unserem Haus (eine andere Netzwerkstelle), aber ich kann zurueckrufen und SMS empfangen. An alle Freunde: die Nummer ist 00255-762822017. ;)

Ansonsten habe ich meine Familie mittlerweile ueberzeugt, dass ich auch arbeiten kann, und darf nun morgens Wasser holen. Mittlerweile bekomme ich keinen Muskelkater mehr vom Pumpen und zu zweit schaffen Mary und ich (inklusive Hin- und Rueckweg und ohne Warteschlange an der Pumpe) 100 Liter in einer knappen halben Stunde. :) Mein Unterricht geht weiter, wird zumindest jetzt weitergehen, wenn ich wieder mehr als zwei Schueler habe, und fuer Freizeit bleibt nicht mehr so viel Zeit. Es gibt aber auch fast nichts, was sich nicht immer auch am naechsten Tag machen liesse. Demnaechst wird Ostern gefeiert, das ist aehnlich wichtig wie Weihnachten, wieder mit Nachtmesse und vermutlich einer geschlachteten Ziege. Und sonst bleibt alles wie immer.

Samstag, 3. März 2012

Alltag.

Es geht zur nächsten Reise: Zwischenseminar von Kolping in Moshi über Haidom und Arusha. Auf dem Sprung ein paar Worte zu dem, was hier schnell zur Selbstverständlichkeit wurde.

Alle Unterschiede zu zu Hause, die erstmal am größten erscheinen, fallen eigentlich kaum ins Gewicht. Strom: da es um 19.00 Uhr dämmert und um 20.00 stockfinster ist, gilt 21.00 Uhr bereits als tiefe Nacht (und ist seit Januar die Uhrzeit, um die die Familie nach einer Regel des Vaters zu Hause sein soll). Zu Hause lässt es sich mit dem Licht von Öllampen und Kerzen aber ebenso essen, unterhalten und lesen, auch über Mitternacht hinaus. Müsste ich kochen, würde ich es vielleicht nicht so sehen. Fast jeder Haushalt hat mindestens eine Haushaltshilfe, weil Hausarbeit viel Kraft und Zeit in Anspruch nimmt. Das Feuer zum Kochen muss am brennen gehalten und reguliert werden, Wäsche waschen dauert, besonders für eine vielköpfige Familie, lange, und der Wasserhahn ist einen knappen Kilometer entfernt. Seit meine Gastschwestern weg sind wird ein Junge dafür bezahlt, dass er uns Wasser bringt. Da unser Wagen für die Wasserkanister kaputt ist, hatten wir neulich ein Problem, als er nicht kam; Wäsche waschen ging nicht, meine Gastschwester holte mit einem Eimer auf dem Kopf das nötigste. Am Tag danach hat dafür der Regen beide 200l-Wassertonnen gefüllt. Dazu kommen Boden wischen, Kartoffeln schälen, Mais für Makande (Mais mit Bohnen) stampfen, Geschirr spülen- ein Hausmädchen arbeitet viel. Im Vergleich dazu ist es irgendwie albern, zu erwähnen, dass man seine Wäsche selber wäscht und abends mit einem Eimer Wasser kalt duscht. Mein Handy lade ich, wie das ganze Dorf, bei den Nachbarn mit Solarplatten auf dem Dach, wenn es nicht gerade verloren oder kaputt ist. Und ein Kühlschrank wird hier gar nicht erst gebraucht. Karfoffeln, Mais, Reis, Kochbananen und Bohnen halten sich auch ohne, Gemüse und Milch gibt es frisch vom Markt, Feld oder von der Nachbarin.

Von der Arbeit gibt es nichts mehr zu erzählen. Nach wie vor bin ich in der Klinik, kenne mich nun aus mit Büchern und Impfungen und bin damit dort die größte Hilfe, auch wenn ich, wie mittwochs oder bei Regen, den ganzen Tag ohne Arbeit am Empfangstisch sitze und lese. In den anderen Bereichen- Labor und OPD- gibt es aber auch nicht mehr Arbeit an Tagen wie diesen.
Dafür habe ich seit einer Woche einen neuen Job, den ich nach dem Treffen weiterführen werde. Unsere Nachhilfe haben Jonas und ich nun, da alle Nachhilfeschüler auf weiterführende Schulen gehen und dafür weggezogen sind, auf Eis gelegt. Dafür bieten die Pfarrer der Kirche nun ein Kurs für Erwachsene an, die die Secondary nicht bestanden haben und die Prüfung wiederholen wollen, und suchen dafür Lehrer- bis sie jemand anderen gefunden haben, unterrichte ich also nun fünf Erwachene in Englisch. (Was bei ihnen das gleiche heißt wie in jeder anderen Klasse: ganz von vorne anfangen.) Als ich nach dem dritten Tag fragte, ob sie mit mir weitermachen wollen, sagten sie ja: sie verstehen mich gut, können auf Kiswahili Fragen stellen, und hätten mir kaum ein netteres Kompliment machen können.

Was sich aber seit einiger Zeit am meisten geändert hat ist meine Freizeit, zu verdanken habe ich das zwei Freunden: Julius und Lohhy. Was ich davor an Zeit zu Hause verbracht habe, verbringe ich nun mit ihnen. Der Fluss, der in der Nähe fließt, ist an einer Stelle tief genug zum Schwimmen- an einem Tag waren wir zu sechst dort baden, spielten danach Würfelspiele mit Keksen im Schatten unter der Sonne; schöner kann das Leben kaum sein. Abends bin ich häufig zum Nachrichten gucken bei Juli, seine Familie hat Strom und einen Fernseher, an anderen Abenden treffen wir uns bei mir und spielen Würfel-, Karten- und Brettspiele. Auch einfach nur rumsitzen und reden, zu Hause oder draussen im Busch, ist noch nicht langweilig geworden, Geschichten und Gerüchte gibt es genug, jeden Tag neue.

Ansonsten ist gerade das ganze Dorf mit der Bohnenernte beschäftigt. Während ich auf Sansibar war hatte es nicht geregnet, viele Maisfelder sind eingegangen, Bohnen vertrocknet. Je nach Standort des Feldes und Zeitpunkt des Bestellens traf es die Leute unterschiedlich. Meine Familie zum Beispiel, die lange auf den Tracktor zum Ausleihen gewartet und damit spät gepflanzt hat, hat eine selten kleine Bohnenernte dieses Jahr. Julis Familie hat Kühe, die die Felder früh bestellt haben, ihre Ernte ist besonders groß. Letzte Woche kam der erste große Regen, seit ein paar Tagen regnet es die ganze Zeit. Das sollte dem verbliebenen Mais und den Sonnenblumen helfen.
Da ich nicht helfen darf ("du kannst das nicht, du bist erkältet, du bist müde, du tust dir weh" etc.) und meist vormittags, wenn ich in der Klinik bin, gearbeitet wird, habe ich davon nicht so viel mitbekommen. Bei der nächsten Ernte werde ich mich durchsetzen…

Mittwoch, 15. Februar 2012

Ein Todesfall, ein Mord – und Laana, der Fluch

Was kling wie ein Krimi aus der Dorfbücherei begann tatsächlich am Freitag zwei Wochen nach Neujahr.

Am 12. Januar kam Dr. O., ein Arzt aus der Gesundheitsstation, Ehemann der Krankenschwester Mama O. und Vater von sechs Kindern, um etwa acht Uhr abends nach Hause. Er bat um Essen und aß zusammen mit den Kindern Ugali, bevor er sich schlafen legte. Zwei Stunden später kam seine Frau ins Zimmer und wollte ihn wecken, damit er sich auf die andere Seite legt. Aber er ließ sich nicht wecken. Dr. O. war tot.

Am nächsten Morgen wusste bereits das ganze Dorf davon, ich erfuhr bei der Arbeit, dass unser Kollege gestorben war. Er war Anfang vierzig, gesund, hatte am Nachmittag noch Volleyball gespielt- alle waren fassungslos. Ich hörte die Geschichte mehrmals. L., die älteste Tochter, sei zu einem anderen Arzt der Mission gelaufen, der nur den Tod feststellen konnte, die Leiche wurde mit dem Dispensarywagen ins Krankenhaus in Haidom gebracht. Am Morgen wurde L. mit einem Nervenzusammenbruch erst in die Dispensary, dann ins Krankenhaus eingeliefert. Die Mutter war mit den anderen Kindern zu Hause.

Von einem Tag auf den anderen war alles anders in Mwanga. Vile Läden wurden geschlossen, Pläne für den Tag verworfen- mittags sah man die Menschen aus allen Richtungen zum Haus der Familie pilgern.
In einer Situation, in der man bei uns keine Worte findet, gibt es hier eine Antwort: Pole. Noch während der Arbeit wurde ich bei der Hand genommen und zu L. geführt, bevor sie nach Haidom gebracht wurde. Sie lag als einzige auf einem der vierzig Betten im Spital. Eine Gruppe von zehn bis zwanzig Frauen saß um das Bett herum, an dem die Mutter versuchte, ihre Tochter anzusprechen. Ich kannte die Familie zu dem Zeitpunkt kaum, aber darum ging es bei dem Besuch nicht, auch nicht um Trost oder die richtigen Worte, sondern einfach um Anteilnahme. Keiner ist alleine, alle trauern gemeinsam. Mittags besuchten Jonas und ich die Familie. Unmengen von Menschen standen in Gruppen um das Haus herum, Frauen kochten draußen Essen für die Gäste. Wir wurden ins Zimmer geführt, in dem Mama O. mit Tüchern bedeckt im Bett lag und drei bis zwanzig Frauen bei ihr saßen und mit ihr weinten. Meine Gastmutter selbst hatte das Haus früh morgens verlassen und kam erst um Mitternacht nach Hause, sie wich nicht von Mama O.s Seite. Wir sprachen unser Pole sana aus, saßen eine Weile wortlos zusammen und gingen.

Am nächsten Tag hatte ich Geburtstag. Ich dachte, dass nun natürlich nicht mehr an feiern zu denken sei- aber da hatte ich nicht mit meinen Freunden und meiner Familie gerechnet; am Abend kamen als Überraschungsgäste die anderen drei Kolpingfreiwillige und unser Mentor aus Singida für das Wochenende zu Besuch. So hatte der folgende Tag zwei Seiten für mich. Auf der einen Seite war da ein toller Geburtstag mit einem Filmabend zum Reinfeiern, bis der Laptopakku leer war, und dem besten Sommertag, um den Gästen Mwanga von seiner schönsten, grünen Seite zu zeigen. Mittags kletterten wir auf Bäumen, beobachteten die Affen am Fluss, picknickten mit Ananas unter Akazien, abends sangen wir auf dem Wohnzimmerboden mit Gitarre Lagerfeuerlieder. Und Mama Ingi, der größte Schatz unter der Sonne, hatte selbst Nachbarn mit Einkaufen und Kochen beauftragt, damit es doch noch eine Feier- heißt ein unglaublich gutes Essen- gab.
Und auf der anderen Seite war die Trauer. Ich besuchte Mama O. morgens alleine und mittags mit den anderen, wieder saßen wir in einer großen Runde und tranken stumm Tee zu Teiggebäck zusammen mit der Witwe. Nachmittags saßen ein paar Jugendliche bei uns im Hof und tranken Tee, ich stellte mich zu ihnen und erfuhr erst, als sie gingen, dass das die Kinder von Dr. O. gewesen waren. Die Beerdigung sollte am nächsten Tag stattfinden, und so dankbar ich für alles war, was man mir zu Liebe getan hatte, hoffte ich, die Hilfe am nächsten Tag zurückgeben zu können.

Denn die Beerdigung wurde komplett von Freunden, Familie und Nachbarn organisiert. Die Arbeit begann früh morgens: Wasser, viel Wasser, musste geholt, Kochutensilien organisiert, Holz zum Kochen gehackt, Essen organisiert, eine Kuh geschlachtet werden. Als ich kam waren alle längst am Kochen. Männer saßen abseits im Kreis und würfelten bereits die Kuh, Frauen kochten auf zahlreichen Kochstellen in riesigen Töpfen Ugali, ganze Säcke von Reis wurden entsteint, Gemüse in ebensolchen Mengen geschnitten und gerieben. Das Haus der Familie O. war längst ein öffentlicher Platz. Stühle wurden aufgestellt, Plastikplanen um das Haus installiert, Kisten mit Limonade hergeschafft. Dabei musste sich die Familie weder um etwas kümmern, noch etwas zahlen: alles Essen waren Spenden der Nachbarn. Nicht einmal um den Papierkram musste sich Mama O. sorgen, Mama Ingi war am Tag zuvor zur ‚Bezirksverwaltung‘ gefahren, um das zu erledigen. Gegen Mittag war man fertig; ein ganzer Bus kam mit den ersten Gästen. Und Gäste sollten es viele werden-später zählte ich grob geschätzt um die 800 Menschen.
Der Sarg wurde gegen Mittag aus Haidom gebracht. Er kam erst ins Haus der Familie, später trugen ihn Männer in die Kirche. Wie alles andere wurde auch das Grab von den Nachbarn gegraben. Weder am letzten Sonntag des Kirchenjahres, noch an Weihnachten war die Kirche so voll wie zu diesem Gottesdienst. Schwarz zu tragen ist hier keine Tradition, dafür bedecken Frauen den Kopf mit einem Tuch. Und nach drei Stunden Gottesdienst und einer halben Stunde Beerdigung war alles vorbei.

Tatsächlich war die Stimmung auf einmal anders, wie erleichtert. Ich verbrachte, wie viele andere Gäste, den Abend bei der Familie. Als ich kam, kam lautes Lachen aus dem Wohnzimmer, es war schon dunkel und im Hof hatte man ein Lagerfeuer angezündet. Eine weitere Tradition ist, dass die Männer der Nachbarschaft in den ersten Nächten als Wache draußen vor dem Haus der Familie schlafen, und so saßen wie auch am Abend zuvor viele Männer unter den Plastikplanen, unterhielten sich oder spielten Karten. Ich kam auch am nächsten und übernächsten und auch am Tag darauf zu Besuch. Die Männerrunde am Feuer am Abend wurde immer kleiner, manchmal spielte ich auch nur mit Mama O. und den Kindern. L. war seit der Beerdigung wieder zu Hause. Nach einer Woche wurden die Plastikplanen abgebaut, die letzten angereisten Verwandten fuhren nach Hause. Das Leben ging weiter.

Nach einer Woche schien sich alles fast normalisiert zu haben, als ich das erste mal von einem kommenden Treffen erfuhr. Meine Kollegin sagte mir bei der Arbeit, dass das ganze Dorf kommen wird, Mitglieder aller Stämme. Ich fragte ein bisschen herum und man sagte mir, es ginge um den Grund des Todes von Dr. O. Es seien davor noch 1-3 andere Männer plötzlich gestorben und man wolle diese Angelegenheiten bereden.
Erst zwei Tage vor dem Treffen erfuhr ich die echten Gründe. Ich hatte schon kurz nach der Beerdigung von solchen Gerüchten gehört und dachte, das sei nichts als Gerede, aber welche Folgen solches Gerede haben kann hatte ich mir nicht vorstellen können.
Die Leute sagten, Dr. O. wurde vergiftet. Der Arzt, der ihn kurz nach seinem Tod gesehen hat, und wohl auch die Ärzte in Haidom sollen die Vermutung geäußert haben. Es hieß, er sei angeschwollen und eine dunklere Haut gehabt haben als gewöhnlich. Mama O. hatte einer postmortalen Untersuchung nicht zugestimmt, darum blieb es bei der Vermutung, die zu diesem Zeitpunkt aber längst als Gewissheit galt. Die große Frage war also, wer ihn vergiftet hat.
Die Hauptverdächtige dabei: Mama O. selbst.

Ich fragte viele Leute nach den Gründen, was sie dabei erzählten war zum Teil haarsträubend. Sie hätte nicht geweint, als sie sah, dass er tot war, ihre Worte hätten wie eine Bestätigung geklungen statt wie eine Frage. Man erzählte, O. hätte bereits am Tag zuvor eine Vorahnung gehabt und habe seinem ältesten Sohn seine Felder gezeigt. O. und Mama O. hätten kurz zuvor gestritten- dass O. bereits lange eine Affäre hatte war im Dorf bekannt. Sie soll gesagt haben, dass einer von ihnen, O. oder die andere Frau, dieses Jahr nicht überleben wird. Die Hauptgründe waren aber vor allen Dingen, dass Mama O. die letzte war, die ihm Essen gegeben hat, und dass sie abgelehnt hat, die Todesursache herauszufinden.

Am Samstag lief eine Gruppe von Frauen durch die Gegend und sang. Der Gesang war die Einladung zum großen Treffen am Sonntag. Jemand sagte mir, sie singen für Mama O., ich fragte, ob sie damit ihr Mitleid ausdrücken. Sie fragen nach den Gründen für O.s Tod, sagte man mir. Am Abend trafen sich Frauen am Ort der Versammlung, um die Nacht draußen zu schlafen. Es hieß, man dürfe nicht an diesem Treffen vorbei, ohne zu grüßen und sich dazuzusetzen. Mama Ingi ging nicht, weil sie Zahnschmerzen hatte, ich konnte aus anderen Gründen leider nicht hin. Ich war bis zum späten Abend bei der Familie, redete mit L., sah mir mit Mama O. und den Kindern ihre Fotoalben an. Sie verloren kein Wort über das Treffen. Es wirkte alles wie ein eigenartiger Scherz, dabei war es alles andere als das. Seit zwei Wochen hatten sie mit den Vorwürfen zu kämpfen, von Leuten, die kurz davor noch zusammen mit ihnen geweint haben, mit denen sie seit Jahren zusammen leben, von Nachbarn und Freunden, wo der Schmerz über den Verlust selbst noch lange nicht verarbeitet ist. Ich kann mir jetzt noch nicht erklären, was die Leute dazu brachte, der Familie so etwas anzutun.

Es hieß, das Treffen beginnt um zehn Uhr, Mama Ingi und ich kamen kurz vor elf, später erfuhr ich, dass man da schon seit Stunden diskutierte. Unter ein par Bäumen nicht weit weg vom großen Platz vor unserem Haus saßen geschlechtergetrennt Frauen und Männer auf dem Boden um eine freie Fläche herum, auf der die wechselnden Redner standen oder liefen. Ein Stock, der jeweils weitergegeben wurde, erlaubte das Sprechen. Als wir kamen waren zunächst nur Iraqw da, gesprochen wurde in der Stammessprache, etwa eine Stunde später begannen sie, alles auf Kiswahili zu übersetzen. Mama O. und L. saßen unter den Frauen, wir setzten uns zu ihnen.

Ich war die ganze Zeit dabei, dennoch erfuhr ich fast alles, was ich über den Inhalt des Treffens weiß, erst hinterher: mal fehlte die Übersetzung, dann war der Übersetzer zu leise oder er ging in den Stimmen unter, und nach zwei Stunden war die Konzentration zum Zuhören weg. Im Grunde war alles eine große Anklage an Mama O. Sämtliche Indizien wurden ausgebreitet, diskutiert, man ging ins Detail. Mitglieder aller Stämme kamen zu Wort, die Leute kamen zum Teil aus Singida und weiter weg, und während die Zeit veging wurden es immer mehr Teilnehmer, bis sich um den Kern herum ein großer Kreis stehender Zuschauer gebildet hatte; es waren bestimmt über 300 Menschen anwesend. Jeder, der etwas zu sagen hatte, konnte sprechen. Und es schien, als wären sich die Leute einig.

Mama O. soll ihn umgebracht haben. Eine Verteidigung hatte sie nicht, ein paar mal nur stand sie selbst mit schwacher Stimme vor den Leuten und sprach. Auch L. sprach zwei mal vor allen Leuten. Mit tränenerstickter Stimme und trotzdem mit wahnsinnig viel Kraft erzählte sie, was an jenem Abend geschah. Als sie redete, weinten alle mit- dass die Kinder unschuldig sind stand außer Frage, es ging hierbei nur um die Mutter. Als ich hinterher mit Mama Ingi sprach, wurde sie wütend beim Reden- es seien Dinge gesagt worden, die nicht schön sind, die man nicht in einer solchen großen, gemischten Gruppe bespricht. O. war an jenem Abend, bevor er nach Hause kam, im Laden der anderen Frau gewesen und hätte getrunken- aber betrunken sei er nicht gewesen. Sein häufiger starker Alkoholkonsum (hier für Männer nichts Ungewöhnliches) war bekannt. Auch sie und ihr Mann- ein Arzthelfer aus der Gesundheitsstation- kamen als Täter in Frage. Die ganze Affäre wurde im Laufe des Treffens offengelegt. Eine Frau nahm den Stock und sagte, dass so etwas früher im Verborgenen geschah, heute gehe man damit schamlos hausieren. Hätte Mama O. ihm aber Gift ins Essen getan, wären die Kinder auch vergiftet worden, es hatten schließlich alle zusammen gegessen. Die Autopsie hatte sie abgelehnt, erfuhr ich später zu Hause, als sie bereits von den Vermutungen wusste. Doch die Beerdigung war bereits vorbereitet, der Sarg da- und hätte sich herausgestellt, dass es tatsächlich Gift war, hätte sich der Staat eingeschaltet.

Dass bei diesem Treffen der Staat nicht anwesend ist wurde mehrfach betont. Ich hatte mich gewundert, wie man bei einem solchen Fall, ohne Spezialisten und mit bereits begrabenem Toten, die Wahrheit herausfinden und ein Urteil fällen will. Das erfuhr ich auf Umwege bereits vor dem Treffen: am Ende des Treffens stand Laana, ein Fluch.

Nach fünf Stunden wurde das Treffen für beendet erklärt. Einmal noch bekam Mama O. die Chance, vor der Versammlung um Vergebung zu bitten, sonst würde sie der Fluch treffen. Der Redner sagte, Christen sollen zurückbleiben, die Nichtchristen kämen mit zum Ort, an dem er ausgesprochen werden soll. Mama O. als Hauptverdächtige ging voraus, jene andere Frau und ihr Mann hinterher, alle anderen hinter ihnen. Blöderweise hatte ich mich schnell meinen christlichen Freunden angeschlossen, um mir alles erklären zu lassen, und bekam dadurch nicht mit, dass genauso viele schaulustige Christen mitgegangen sind und verpasste damit die einmalige Chance, einen solchen Fluch zu sehen. Was ich darüber weiß bekam ich also auch hinterher erzählt: die Leute gingen bis zu einem Art Graben nicht weit weg von hier, dort wurde ein Pfeil in die Erde gesteckt. Ein alter Barbaiq-Mann führte die Zeremonie an. Die Verdächtigen gingen daraufhin zum Pfeil, berührten ihn mit der einen Hand und bedeckten die Augen mit der anderen und sprachen, sinngemäß: sollten sie derjenige sein, der O. vergiftet hat, sollten sie selbst bis zum 12.2. – ein Monat nach seinem Tod – sterben, den Verstand verlieren oder den Mord gestehen. (Außerdem war da noch etwas mit der Maisernte, wofür mein Kiswahili aber nicht reichte.) Viele Leute sollen geweint haben. Dann war es vorbei.

Zu diesem Zeitpunkt also sprach ich mit Jamesi. Wie er davor gedacht hat, weiß ich nicht, aber nun sagte er, dass Mama O. es nicht gewesen sein kann. Denn sie sei hier aufgewachsen, sie kenne die Traditionen, sie habe die Möglichkeit bekommen, es zu gestehen und wisse, dass nach einem solchen Fluch nur der Tod kommt. Ich habe im Laufe der Tage keinen gefunden, der nicht an die Wirkung des Fluchs glaubt. Ein solches Treffen, sagten mir Gleichaltrige, hätten sie bisher nur ein mal in ihrem Leben erlebt; das ist eine andere Geschichte. Jamesi hatte mir gesagt, dass Christen nicht zu diesem Treffen gehen sollten- Maria selbst wollte erst mit den Pfarrern sprechen, bevor sie draußen geschlafen hätte, am Treffen selbst musste sie teilnehmen- weil das, was dort passiert, nichts mit Gott zu tun hat, sondern von wo anders herkommt. Eine ältere Kollegin erzählte, dass sie zwei Menschen gekannt habe, die von einem Fluch getroffen wurden, beide seien gestorben, wie es ihnen angekündigt wurde.

Ob die Familie O. an den Fluch glaubt habe ich nicht gefragt. Noch während die Gruppe zu dem Platz ging, zerstreuten sich die Menschen wieder in alle Richtungen. Das Volleyballnetz wurde aufgehängt, überall in der Ladenstraße standen Gruppen, die sich unterhielten, man fuhr mit dem Alltag fort.
Später ging ich wieder die Familie besuchen. Als ich kam, beteten sie gerade ein langes Gebet, Gäste waren da, die nach dem Gebet gingen. Kurze Zeit später kam Jonas mit einem Kartenspiel vorbei und spielte mit den Kindern bis zum späten Abend. Als wäre nie etwas gewesen, kam ein Nachbar, der am Abend vorher von der Schuld von Mama O. überzeugt gewesen war, vorbei und setzte sich zum Karten spielen dazu. Draußen im Hof saß ein anderer Nachbar, der mit am meisten gegen Mama O. gesprochen hatte, und trank Bier. Ich saß mit L. zusammen, wir redeten über alles mögliche, außer was an diesem Tag passiert war, bis ich um halb elf gehen musste.

Man sollte meinen, die Familie könne jetzt endlich in Ruhe gelassen werden. Aber immer noch gibt es Menschen, die weiterreden. Am Tag nach dem Treffen kam eine Gruppe von Nyiramba vorbei und wollte mit Mama O. reden, sie hätten da noch ein paar Punkte- da wurden nun auch die Nachbarn wütend, warum hatten sie das nicht schon beim Treffen am Tag zuvor gesagt. Wenige Tage später fand Mama O. eine Schlange bei sich im Hof. Als L. mir davon erzählte, habe ich mir nichts dabei gedacht, bis mich eine Kollegin am nächsten Tag aufgeregt bei Seite nahm, um mir davon zu erzählen: ihr sei so etwas einmal nach einem Todesfall passiert, die Alten sagen, auf diese Art kommt ein Verstorbener, um die Hinterbliebenen zu grüßen. Aber die Familie macht weiter, was bleibt ihnen auch anderes übrig. Jonas und ich kommen sie fast jeden Tag besuchen, wir spielen oft Karten, häufig treffe ich andere Gäste dort. Nach wie vor wird beim Teetrinken über den Fluch geredet, es kursieren Gerüchte, L. meidet das Volleyballfeld aus Angst vor Gerede. Ich frage mich, wie man es schafft, so etwas seinen Nachbarn und Freunden zu verzeihen.

Das nun war der Stand der Dinge vor eineinhalb Wochen. Seither bin ich auf Sansibar und erfahre alle Neuigkeiten im Detail am Montag. Eigentlich wollte ich wieder gar nicht mehr weg aus Mwanga. Mein Alltag hat sich verändert und neben allem, was passiert, ist es so schön, aufregend, in Bewegung wie nie zuvor. Nun will ich von hier nicht mehr weg, wie das mit Urlaub immer so ist...

Samstag, 7. Januar 2012

Noch was Organisatorisches.

Ich bin mittlerweile quasi gar nicht mehr ueber Handy zu erreichen und will nicht mehr so haeufig ins Netz. Saemtliche Mitteilungen kommen daher am zuverlaessigsten ueber oungurs(at)yahoo.de auf Jonas internetfaehigem Handy an. Als ebenso zuverlaessig hat sich die Post erwiesen. Briefe sind weiterhin willkommen. :)

Ausserdem gibts neue Bilder.
> Hier von der Adventsreise und
> hier wieder aus Mwanga.

Alles Liebe,
Olga

Von den gestohlenen Kuehen

Vor kurzem geschah ein Verbrechen in Mwanga.

Für mich verlief der Tag folgendermaßen. Bereits morgens war wenig bei der Arbeit los. Ich habe eine handvoll Frauen aufgenommen, aber auch meine Kolleginnen haben sich so gelangweilt, dass wir teilweise zu fünft um den Tisch herumsaßen. An einem Mittwoch kann aber schon mal wenig los sein, also gut. Nachmittags ging ich Jonas‘ Gastfamilie besuchen. Mwanga: wie ausgestorben. Kein Mensch auf dem Platz, fast alle Geschäfte geschlossen, auch Wankembetas Tür, bei der ich jedes mal vorbeischaue, war zu. Aber gut, die Sonne knallt schon ziemlich heute, und vielleicht hab ich irgendeinen Feiertag verpasst, kann ja vorkommen. Während ich mich dann mit Lenta unterhalte, fällt mir nebenbei auf, dass die Kühe in der Boma sind und nicht draußen- aber so ganz hab ich das mit dem Kühehüten ja auch noch nicht verstanden. Ein junger Mann kommt irgendwann auf dem Fahrrad, sie sprechen ein bisschen Stammessprache, kurz danach werden die Kühe raus gelassen. Es wird später Nachmittag, ich gehe in unseren Laden und treffe dort Pasko, der um diese Uhrzeit eigentlich das Volleyballspiel organisieren müsste. Er erzählt, dass niemand da ist, weil alle irgendwelche verschwundenen Kühe suchen. Sind wohl Kühe weggelaufen, denke ich, wundert mich nicht, wundert mich eher, dass das so selten passiert, wo doch so große Herden immer von so kleinen Kindern gehütet werden. Das Spiel findet dann doch statt, die Leute kommen nach und nach. Während des Spiels läuft eine Gruppe von Männern vorbei- mit Pfeilen und Bogen in der Hand. Ich bin die ländlichen Eigenheiten schon so gewohnt, dass mir das erst später auffällt und ich mich in dem Moment nur frage, ob sie zum Spaß Tiere jagen waren. Abends kommt uns Jamesi besuchen und fragt mich, ob ich das mit den gestohlenen Kühen mitbekommen habe. Kühe gestohlen? Also, das war so.

Um vier Uhr morgens bemerkte ein Mann etwa einen halben Kilometer von uns entfernt, dass sieben seiner Kühe fehlen: er begann, eine Art Alarmruf zu schreien. Wenn man im Dorf jemanden schreien hört, dann weiß man, etwas ist passiert. Wenn in der Nacht jemand zu schreien beginnt, kann das nur bedeuten, dass Kühe gestohlen worden sind, erklärt Jamesi. Und wenn man jemanden schreien hört, schreit man mit. So verbreitet sich die Nachricht, dass etwas geschehen ist, im ganzen Dorf. Darum war morgens um vier das halbe Dorf auf den Beinen, weil der Lärm von überall kam; ich habe trotzdem geschlafen wie ein Stein und darum erst abends alles erfahren. Wenn man nun also in Erfahrung gebracht hat, was geschehen ist, ziehen alle los, um die Kühe und den Dieb zu finden. ‚Alle‘ sind alle Männer über 18 Jahren, und sie sind bewaffnet- mit Pfeil und Bogen, weil der Staat keine anderen Waffen erlaubt. So gingen auch Jamesi und sein Vater - ein 20-jähriger Abiturient und ein Lehrer - mit Pfeil und Bogen bewaffnet los, um dem Bestohlenen zu helfen. An einem solchen Tag sind alle Kühe im Stall und alle Läden geschlossen, weil die Männer unterwegs sind. Und alle machen mit, denn wer sich weigert, bekommt entweder direkte Probleme mit der Dorfgemeinschaft- oder wenn er einmal nachts schreien sollte, würde einfach niemand kommen. Sie gingen bis Basuto (also ziemlich weit), aber ohne Erfolg. Wenn um Mitternacht Kühe gestohlen werden und man bemerkt es am Morgen, gibt es wenig Hoffnung, die Diebe noch zu finden, auch wenn man den Spuren folgt. Darum fand das Spiel dann doch statt, alle waren recht früh zurück, am nächsten Tag sollte die Suche weitergehen. Die Kuehe sind bis jetzt nicht wieder aufgetaucht und sind damit verloren.

Er hat Mitleid mit dem bestohlenen Mann, sagt Jamesi. Er ist verheiratet und hat drei Kinder, vermutlich braucht er die Kühe dringend, um sein Feld zu bestellen, und das Geld, das er bekommt, wenn er die Kühe an andere Leute für ihre Felder vermietet. Vermutlich waren sie auch hart verdient- eine Kuh kostet bis zu umgerechnet 500 €. Aber Diebstahl geschieht meist auch aus einer harten Notsituation heraus. Pfeil und Bogen klingt komischer, als es ist- Diebe werden umgebracht. Auf dem Land wohl mit Speeren, in der Stadt werden sie mit Benzin übergossen und angezündet. Und das ist keine Ausnahme, Freiwillige aus Karatu haben davon erzählt wie auch Tansanis selbst. Wenn dann die Polizei kommt, natürlich zu spät, heißt es, er wurde von den Einwohnern umgebracht- wen also soll man bestrafen? Doch der Dieb weiß das davor. Der Gedanke ist: Wenn er weitermacht wie bisher, wird er sterben. Wird er erwischt, wird er auch sterben, aber wenn nicht besteht die Chance, zu überleben.

Der bestohlene Mann gehört außerdem zum Stamm der Nyiramba. Kuhdiebstahl prägt die Vergangenheit dieses Stammes besonders in Mwanga. Vor 30 Jahren hat es einen großen Stammeskrieg zwischen Nyiramba und Barbaiq gegeben, bei dem viele Menschen ums Leben kamen. Die Ursache: einer hatte dem anderen Kühe gestohlen, wer wen beklaut hat variiert wohl nach dem, wen man danach fragt. Heute ist Frieden, heißt es, aber schon vor ein paar Jahren hat ein neuer Diebstahl den Konflikt neu entflammt. Ein Mnyiramba wurde bestohlen, er beschuldigte die Barbaiq und nahm sich willkürlich die Kühe eines Barbaiqkindes in der Nähe von Katesh. Wieder gab es Streit, wieder starben Menschen - ‚nur ein paar, weniger als 5‘, sagte Jamesi - wieder wurde alles irgendwie geregelt. Jamesi glaubt nicht, dass daraus jetzt wieder ein größerer Streit wird; Maria sagt, man wisse es nicht. Aber bei der Suche geholfen hat das ganze Dorf, also alle Stämme. Wanyiramba wie Wairaqw (so wie Jamesi und meine Familie)- und Wabarbaiq, bestätigte er nach kurzem Zögern.

Ein paar Tage spaeter ist alles beim Alten. Genau genommen war nicht einmal das etwas besonderes fuer die Mwanganer, mir wurde gesagt, dass mir im Laufe des Tages niemand davon erzaehlt hat, weil man es fuer zu bedeutungslos hielt. Ansonsten wurde gestern der Weihnachtsbaum weggeworfen, naechste Woche geht die Schule wieder los, alles nimmt seinen gewohnten Gang.

Euch allen ein frohes Neues!