Donnerstag, 19. April 2012

Mwanga - und seine Kulturen

Die Stadt Singida liegt an der Verbindungsstraße von Mwanza zu Dar es Salaam. Wenn man an dieser Straße am Kreisverkehr dem Richtungsschild Mwanza folgt, sieht man kurz darauf rechts von der guten, asphaltierten Straße eine unscheinbare Abzweigung, eine Erdstrasse, die am See von Singida vorbei in die Felder führt. Zwei mal am Tag fährt ein Bus vier Stunden über diese Straße nach Haidom, das dank eines norwegischen Krankenhauses zu recht guter Infrastruktur gekommen ist. Und wenn man in diesem Bus eine halbe Stunde früher aussteigt, dann ist man in Mwanga.

Mwanga findet man auf keiner Landkarte, dabei ist der Name zumindest in der Gegend gut bekannt. Das Dorf selbst teilt sich in zwei Dörfer: Mwanga A oder Mwanga Mission, das im „Verwaltungsbezirk“ (Wilaya) Iramba liegt und Mwanga B, das im Bezirk Hanang liegt. Das Dorf Mwanga A liegt zudem im „Stadtkreis“ (Kata) Mwanga, zu dem auch die Dörfer Msiu, Nkalankala, Malaja und Kidarafa gehören, Mwanga B liegt im Kreis Hirbadaw. Die Aufspaltung in zwei Dörfer (die vor allem bürokratische Bedeutung hat) kommt daher, dass Mwanga dicht an der Grenze von Hanang und Iramba liegt: der Fluss, an dem wir Wasser holen und in dem wir schwimmen waren, teilt die Bezirke voneinander.

Der Grund für Mwangas heutige relative Größe ist vor allem die Gesundheitsstation. Vor etwa dreißig Jahren sah es hier noch anders aus: es gab keine Felder, wo heute vereinzelt Büsche wachsen war damals noch dichter Wald, es gab keine Wellblech-, sondern nur Grasdächer auf den wenigen Häusern und Tiere wie Löwen und Giraffen wurden noch hier gesehen. Damals herrschte ein Stammeskrieg in der Gegend, und eine Gruppe weißer Schwestern eröffnete einen Ort, um den Verletzten stammesunabhängig zu helfen: das Missionsdorf Mwanga war gegründet. Heute leben viele Menschen in Mwanga Mission, entlang zweier Straßen gibt es kleine Kiosks, Esslokale und Nähläden und ein Fußball- und Volleyballplatz bringt auch Nachbarn häufig ins Dorf. Die Gesundheitsstation selbst ist seit damals gewachsen, eine Schweizer Organisation half mit Krankenwagen, Strom und Wasser und hat zuletzt ein Spital gebaut, das in Kürze eröffnet werden wird, womit auch stationär Patienten aufgenommen werden können. Jene weißen Schwestern leben mittlerweile wieder seit einigen Jahren in ihren Heimatländern, die Erinnerung an sie und die Dankbarkeit für ihre Hilfe ist aber weiterhin bei allen Leuten lebendig. Ein weiterer Grund für Mwangas Entwicklung ist die später gegründete Kolpingsfamilie. In der Kolpingschule können Jugendliche Nähen und Schreinern lernen, was wegen der niedrigen Schulgebühren eine gute Alternative zur sehr schlechten Secondary School hier in der Gegend ist.

Die Stämme

In Tansania gibt es über 120 Stämme. Die gemeinsame Sprache Kiswahili und die gemeinsame Geschichte seit den Bemühungen des ersten Präsidenten Nyerere, das Land zu einen, haben zu einem erstaunlichen Einheitsgefühl der Tansanis beigetragen, dennoch spielen Staemme gerade auf dem Land noch eine grosse Rolle. Mwanga ist da durch seine bereits erwähnte Grenzlage eine Besonderheit: Hanang ist das Land der Stämme Barbaig und Nyaturu, in Iramba leben vor allem die Stämme Nyiramba und Iraqw.

Der Stammeskrieg vor 30 Jahren herrschte zwischen den Wabarbaig1 und Wanyiramba: ein Mitglied des einen Stammes hat einem des anderen Stammes eine Kuh gestohlen, der andere hat sie sich wieder zurück genommen (wer wen zuerst bestohlen hat hängt in der Erzählung davon ab, welches Stammesmitglied man fragt), und der Krieg begann. Viele Menschen starben, das Land wurde billig; der Konflikt legte sich irgendwann, aber ganz begraben wurde er nicht. 2004 wurden erneut Kühe gestohlen und der Krieg neu entfacht, wieder starben Menschen. Aber mittlerweile scheint man sich endgültig versöhnt zu haben. Wenige Wochen, nachdem jenem Mnyiramba-Mann Kühe gestohlen wurden (siehe Eintrag von den gestohlenen Kühen), hatte man eine von diesen in der Herde eines Mbarbaig entdeckt. Ob dieser sie nun gestohlen oder auf dem Markt gekauft hatte war nicht nachzuvollziehen, die Wanyiramba hielten daraufhin ein Treffen ab, es wurde angekündigt, man würde sich seine Kühe wieder zurückholen. Am Abend vor dem angekündigten Datum trafen wir unterwegs bewaffnete Wabarbaig, die aber versicherten, es würde keinen neuen Kampf geben. Und tatsächlich: nichts geschah. Die jungen Männer der Nyiramba weigerten sich. Sie können sich nicht mehr bekämpfen, sagte eine Mnyiramba, sie haben sich schon gegenseitig geheiratet. Monatlich gibt es einen großen Markt in Mwanga A und in Hirbadaw. Früher hat man in Mwanga A keinen einzigen Mbarbaig und in Hirbadaw keinen Mnyiramba getroffen. Heute treffen sich alle gemeinsam in der Ladenstraße, grüßen sich mit Handschlag- auch wenn man weiterhin lieber unter den eigenen Leuten bleibt.

Jeder Stamm hat seine eigene Sprache, seine Kleidung, seine Tänze, seine Kultur, wie auch seine Vorurteile anderen Stämmen gegenüber- obwohl man friedlich zusammenlebt, Wairaqw-Kinder mit Wanyiramba-Kindern aufwachsen und man sich bei Festen oder Unglücksfällen als Dorf-, nicht als Stammesgemeinschaft unterstützt. An einem Abend war ein Nyiramba-Freund meiner Iraqw-Familie bei uns zu Besuch, der sehr interessiert an meiner Heimat war, bis das Gespräch auf die Stämme kam und er sich schließlich mit meiner Gastmutter ebenso angeregt über die kulturellen Unterschiede zwischen ihren jeweiligen Stämmen unterhalten hat wie anfangs über die tansanische Kultur und meine. Als ich auf einer Barbaig-Hochzeitsfeier war kam nach einiger Zeit eine junge Frau im traditionellen Barbaig-Hochzeitsgewand (ein perlenbesticktes Lederkleid) wie alle anderen, die aber ähnlich fremd unter den Frauen stand und alles ebenso verwundert beobachtete wie ich. Sie sei Mnyiramba, sagte sie mir, und hätte einen Mbarbaig geheiratete, darum das Kleid und die Einladung.
Hier aber nun eine kurze Vorstellung der drei Stämme in Mwanga:

Barbaig

Wabarbaig lassen sich auf den ersten Blick am leichtesten von den anderen unterscheiden: von ihnen tragen die allermeisten Männer und Frauen rote Ngororis (karierte Decken, die auf verschiedene Art um den Körper gewickelt werden), viele haben weit gedehnte Ohrlöcher oder kunstvolle Narben im Gesicht als Verzierung, und manchmal trifft man Frauen auch komplett geschmückt mit Perlen, mehrmals um den Hals gewickeltes Eisen, Unmengen von Metallarmbändern und im Lederkleid auf dem Weg. Man könnte sie spontan mit den Maasai verwechseln- tatsächlich waren sie früher auch Nomaden und ihre Sprache soll wohl mit der der Maasai verwandt sein. Hier in Mwanga leben sie am ursprünglichsten von allen in ihren mit Baeumen umzäumten Lehmhäusern, ueberwiegend weit verstreut im Busch der Hanang-Hügel. Eine Arbeitskollegin, selbst Mbarbaig, sagte mit, dass Mädchen nach wie vor ab 15 verheiratet werden, und in der Klinik sind es meistens sie, die ihren Namen nicht schreiben können. Unter den Wairaqw- die, mit denen ich gesprochen habe- geniessen sie einen respektvollen Ruf. Bekannt sind sie für ihre Kampfkünste, die man hier zu Zeiten des Krieges miterleben durfte. Es heißt, ein Barbaig-Mann kann 30 Wanyiramba schlagen, obwohl sie „nur“ mit Speer, Pfeil und Bogen kämpfen. Er könne, erzählte man mir, drei Pfeile auf einmal abschießen und mit allen treffen, und einen Speer werfe er so genau, dass er im Nacken des Opfers lande. Dies mag mit ein Grund sein, warum sich die Wanyiramba auf keinen neuen Krieg einlassen wollten… Einen Einblick in die bunte Seite der Kultur bekamen wir, als sie anlässlich der Abschiedsfeier für die Schweizer zum Tanzen eingeladen wurden. Über 50 Männer kamen als geschlossene Gruppe mit erhobenen Stöcken und Speeren singend zur Feier, dazu wurde auf einem Lederschild getrommelt, im Tanz sprangen sie gestreckt in die Höhe, und das stammesgemischte Publikum beobachtete alles genauso interessiert wie wir europäischen Gäste. Der Tanz der Frauen auf jener Hochzeitsfeier sah ähnlich aus, nur waren sie dort, da Männer an diesem Tag der Feier nicht kommen durften, mit dem An- und Miteinander-Tanzen viel freier und freizügiger untereinander.

Nyiramba

Als ich mich mal in Arusha mit ein paar Fremden über Stämme und ihre Eingenarten unterhielt, sagten sie über die Wanyiramba, sie seien- Waswahili2. In diesem Zusammenhang heißt das: unspektakulär, normal. Sie haben keine spezielle Kleidung, ihr Ugali kochen sie hart, aber das war es auch schon an Stammesspecials. Dafür haben sie hier einen relativ schlechten Ruf: von Wairaqw hörte ich mehrfach, sie seien es, die- auch auf die Kämpfe bezogen- den Ärger bringen. Meine kleine Gastschwester hatte Angst, ihnen im Dnkeln zu begegnen, sie hätten einen schlechten Charakter, würden andere Leute mit Steinen bewerfen. Ein anderer sagte, die Jungendlichen hätten nichts im Kopf, wollen nicht lernen, können nicht reden, wollen alles mit Gewalt erreichen. Im Kämpfen seien sie eh unterlegen, und das obwohl sie damals Feuerwaffen benutzt haben, aber wohl schlechte, selbstgebaute. Zum Glück halten solche Meinungen sie trotzdem nicht davon ab, mit Wanyiramba befreundet zu sein, und darum haben wir regelmäßige Gäste aus der Nachbarschaft zu Hause, von denen ich mit einem besonders gerne rede. Er sagte zum Beispiel, dass Frauen bei ihnen, im Gegensatz zu Iraqw und Barbaig, nicht unter dem Mann stehen. Tatsächlich ist Nyiramba der einzige der drei Stämme, bei dem weibliche Genitalbescheneidung nicht zur Tradition gehört. Landwirschaftlich sind sie es, die hier neben Mais und Sonnenblumen auch anderes anbauen wie Süßkartoffeln oder Erdnüsse. Ich habe viele Nyiramba-Freunde gefunden, Lehrer für Sprachen, Diskussionsparnter, viele sehr nette Menschen, und wurde für meinen Teil noch nie mit einem Stein beworfen.

Iraqw

Jonas‘ und meine Gastfamilien sind Wairaqw, ebenso fast alle meine Arbeitskollegen, dadurch hatten wir von Anfang an am meisten mit diesem Stamm zu tun. Und könnten von diesem am meisten erzählen: wie man Ugali so kocht, dass es weich bleibt, aber nicht klebt; wie man den Ngororistoff der Iraqw von dem Stoff der Barbaig unterscheidet (das war früher, als Ngororis noch aus Leder waren, das unterschiedlich verarbeitet wurde, einfacher…); warum man auch Schuhen aus Autoreifen die Stammesangehörigkeit ansehen kann oder dass man immer etwas zu viel Essen kochen sollte, weil jeder angekündigte oder unangekündigte Gast immer zum Essen eingeladen wird (in unserem Fall hieß das oft: mitessen muss). Gewöhnungsbedürftig ist die Sprache, wohl irgendwie mit Arabisch verwandt (vor 2000 Jahren oder so kamen die Wairaqw wohl erst aus dem Irak, dann aus Äthiopien nach Tansania), vom Klang her für uns unaussprechbar, die aber gern und viel gesprochen wird, wenn Wairaqw zusammenkommen (oder um mich zu aergern). Aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis in unserem Alter sind fast alle Wairaqw. Jugendliche, die in Großstädten auf die weiterführende Schule gehen, modern und gebildet, die sich im Dorf aber gleich den Ngorori um die Schultern werfen und die Ferien zu Hause auf dem Feld und bei den Kühen verbringen. Wer Bildung hat, der beschenidet seine Töchter nicht, der kratzt alles Geld zusammen, um seine Kinder auf gute Schulen zu schicken, und im besten Fall hilft er sogar in der Küche beim Kochen mit, obwohl er ein Mann ist. Aber was davon nun Kultur und was Persönlichkeit des einzelnen ist kann ich nicht sagen.

Was nun die kulturelle Vielfalt in Mwanga perfekt macht sind die Religionen, die man hier findet. Mwanga Mission wurde von katholischen Schwestern geleitet, die Gesundheitsstation wie Kolping sind katholisch und liegen schon örtlich nah an den Schwestern, Pfarrern und der Kirche. Aber im Dorf leben außerdem Protestanten, Moslems und Heiden, in näherer Entfernung gibt es drei evangelische Kirchen und mindestens eine Moschee. So feiern die Moslems mit den Christen gemeinsam Ostern und die Christen wissen, wie man auf arabisch Gott dankt und grüßt, beim Tischgebet bekreuzigen sich die einen, während die anderen nur die Augen schließen, und an heidnische Flüche glauben schließlich auch alle.

Das also ist Mwanga. Ein Dorf, zwei Verwaltungsbezirke, drei Stämme, vier Religionen, fünf Sprachen. Und unendlich viel zu lernen.

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1 Konjugationen sind zum Teil in Kiswahili: M- fuer ein Mitglied des jeweiligen Stammes (zB Mbarbaig), Wa- fuer mehrere Menschen (zB Wanyiramba).

2 Swahili ist oder war eigentlich ein eigener Stamm, eine Mischung vieler Kulturen, sagen Reisefuehrer. In Städten bedeutet das aber so viel wie Tansani, wenn die Stammesherkunft keine Rolle mehr spielt, die Eltern vielleicht schon zwei Stämmen angehört haben und man auch gar keine Stammessprache mehr gelernt hat, wenn nur noch die gemeinsame Sprache Kiswahili zählt und man damit genauso als Araber, Inder oder Europäer ein Teil der Gemeinschaft ist.

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