Neulich war in der Kolpingschule der letzte Schultag vor den Ferien, und Jonas und ich hatten dafür etwas Besonderes geplant. Aufklärungsunterricht war von Anfang an etwas gewesen, was ich unbedingt machen wollte. Genau genommen hatte sich diese Gelegenheit bereits im März einmal ergeben.
Im März hatten wir für eine Woche 200 jugendliche Gäste in Mwanga. Das ganze lief über die Kirche, es wurde viel gebetet, gesungen und unterrichtet, so in der Art einer Jugendwoche, aber den ganz genauen Sinn dieses Seminars weiß ich nicht mehr. Im Rahmen dieser Woche war nun jedenfalls eine Unterrichtseinheit über HIV geplant, die von unserem jungen Arzt Lammeck gehalten werden sollte. Er hatte mich schon einige Wochen vorher gefragt, ob wir das zusammen machen wollen, und ich war natürlich dabei. Mein Plan war, mir bis dahin ein (gutes) Infoheft über Aids auf Kiswahili durchzulesen und das nötige Vokabular anzueignen, dann die Mädchen in kleine Gruppen aufzuteilen und in diesen über HIV zu reden, und in dem Zusammenhang vor allem über Kondome. Denn die werden zu diesem Thema ausgeklammert, und das nicht nur in den Unterrichtsstunden der katholischen Pfarrer- es sind tatsächlich sie, die für Aufklärung zuständig sind!- sondern auch in allen Büchern zu diesem Thema: Sex vor der Ehe darf es nicht geben, Punkt. Dass es trotzdem passiert, vor der Ehe oder innerhalb mit anderen als dem Ehepartner, und das mehr die Regel als die Ausnahme darstellt, und dass darauf reihenweise Schülerinnen schwanger werden und die Schule abbrechen- als Schüler darf man nicht heiraten oder Kinder kriegen- wird ignoriert.
Nun, mein Plan war gut, meine Vorbereitung schlecht, denn ich hatte das Datum vergessen und eines Tages nach der Arbeit rief mich Lammeck und sagte, in einer Stunde ist der Unterricht, lass mal mit der Unterrichtsplanung loslegen. Eine Stunde später saßen wir natürlich völlig unvorbereitet auf dem Podest in der großen neuen Kirche vor 200 Jugendlichen. Ich hatte Lammeck gesagt, dass ich nach dem allgemeinen Vortrag Mädchen und Jungen aufteilen und in einem abgetrennten Raum eine Fragerunde starten will, und darauf hatten wir uns geeinigt. Leider endete aber alles in großem Chaos. Der Vortrag begann wegen des Regens viel zu spät, und zunächst führte ihn ein neuer Arzt der Dispensary- ein früherer Soldat und heftiger Alkoholiker. Er sprach mit leiser Stimme und der Wind und Regen machte das ganze nicht unbedingt besser, die Schüler meldeten sich laufend, dass sie nichts verstanden. Das war aber wahrscheinlich kein allzu großer Verlust; das einzige, was ich im Laufe der Rede heraushören konnte aus seinem Kiswahili-Englisch-Gemisch war, dass er gerade über den allmächtigen Gott sprach. Dann war Lammeck an der Reihe. Er wollte das ganze lockerer gestalten, nicht als Lehrer, sondern als einer von ihnen, leider verlor er relativ bald den Faden, und so ging allmählich die Sonne vor den Kirchenfenstern unter und mit ihr meine Pläne. Als er endlich zum Ende kam folgte die Ankündigung: die Jungen bleiben mit Lammeck im vorderen Teil der Kirche, die Mädchen gehen mit Olga in den hinteren Teil, wo alle Fragen beantwortet werden sollen: in 10 Minuten! Die Fragen der Schüler, die davor schon anonym auf Zettel geschrieben und abgegeben worden waren, wurden ignoriert mit dem Kommentar, dafür sei keine Zeit mehr. Dieser hintere Raum der Kirche war zu groß für alle Schülerinnen, darum gingen wir raus auf die Wiese, und ich stand in der Mitte eines immer enger werdenden Kreises von 100 drängelnden Mädchen, die mehr an mir interessiert waren als an Aidsaufklärung. Fragen gab es dennoch viele- ob man sich im Saloon durch einen Rasierer infizieren kann, welche Krankheiten auf Aids hinweisen, wie der erste Mensch HIV bekommen hat. Ich wollte möglichst schnell zu meinem Hauptanliegen kommen und lenkte das Thema auf Verhütung. Ein Mädchen war recht diskutierfreudig dabei, darum fragte ich sie, ob sie wisse, wie man ein Kondom benutzt. Sie sagte: nein, denn sie hätte ja noch nie eins gebraucht. Die 10 Minuten waren schon lange rum und der leitende Pfarrer blickte ungeduldig über die Mädchenköpfe hinweg, das einzige, was mir einfiel, war ihnen das Aidsheft zu geben (das unter anderem den Gebrauch erklärt), wonach sich alles in vollendetem Chaos auflöste.
Nun kam die zweite Gelegenheit. Jonas hatte für seinen Englischtest eine Stunde zuvor einen Text über Aids genommen und damit auf die kommende Stunde hingeleitet. Jenes Heft und seine Vokabeln hatte ich bereits durchgelesen und gelernt, einen Tag vorher setzten wir uns zu zweit zusammen und bereiteten die Stunde vor, kurz vor dem Unterricht wurden noch schnell Bananen auf dem Markt gekauft, und es konnte losgehen.
Als kurz nach zwei allmählich fast alle Schüler da waren, stellten wir das Thema vor, dann ging Jonas mit den Jungs in den anderen Klassenraum und ich blieb mit den etwa 20 Mädchen im ersten. Zuerst klärten wir kurz die Begriffe Aids (Kiswahili UKIMWI) und HIV (VVU), die Symptome der Krankheit und ihren Verlauf. Danach kamen wir zur Infektion: ich hatte verschiedene Beispiele auf Karten geschrieben, die ich vorlas und ließ abstimmen, ob man sich dadurch anstecken kann oder nicht, wobei die Mädchen da fast alles richtig beurteilten. Das nächste Spiel zeigte aus Magazinen ausgeschnittene Bilder von Menschen, und sie sollten sagen, ob diese infiziert sind oder nicht. Die Auflösung war dann, dass wir es nicht wissen können, weil man es den Menschen nicht ansieht. Wir fassten die drei Möglichkeiten, sich anzustecken, zusammen: über die Mutter vor der Geburt, durch den Kontakt mit Blut oder, vor allem, durch ungeschützten Sex. Und damit wurde direkt die Banane ausgepackt. Die Stimmung in der Klasse war super, ich hatte mit viel mehr Zurückhaltung gerechnet, aber die Mädchen waren bei allen Fragen dabei. Als ich das eingepackte Kondom durchgeben ließ kam erstmal die Frage, was sie mit diesem Stück Plastik machen sollen. Das Kondom war ja auch noch in der Packung… dann wurde es ausgepackt, aufgerollt, abgezogen, zugebunden und durchgegeben. Ich erklärte so viel mir einfiel über Beschaffung- gibt es kostenlos in Krankenhaeusern, nur in unserer katholischen Dispensary nicht, aber dafuer, was ich aber erst danach erfuhr, auch in Grosspackungen bei meinem Nachbarn-, Entsorgung und anderes Wissenswertes, aber das Hauptanliegen der Mädchen war, ob ich die Banane jetzt denn noch essen werde. (Ja.) Damit waren wir durch und es blieb Zeit für Fragen. Jeder sollte, damit es anonym blieb, irgendetwas auf einen Zettel schreiben, auf den meisten stand daher nur, dass sie alles verstanden hätten. Eine Frage war, was man machen sollte, wenn das Kondom platzt, eine andere fragte nach den Symptomen, insgesamt hatte ich auf etwas mehr gehofft. Nach der Stunde aber fragten mich ein paar, ob wir sowas wieder machen werden. Ich habe ein paar Ideen dazu im Kopf, weiß aber nicht, ob die Zeit zur Umsetzung dafür noch reicht…
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