Montag, 11. Juni 2012

Geschichten aus der Klinik

Ich arbeite im „St. Agnes Health Centre Mwanga“. Ein Health Center (Kituo cha Afya) ist größer als eine Dispensary (Zahanati) und kleiner als ein Krankenhaus (Hospitali). Was das St. Agnes zu einem HC macht ist das dieses Jahr fertig gestellte Spital mit zwei Schlafsälen mit jeweils etwa 15 Betten, inklusive Toiletten, Licht und fließendem Wasser. Darüber hinaus gibt es ein Labor, die „Klinik“ für Schwangere und Kinder inklusive Impfungen, den Entbindungsraum, die OPD für Spritzen jeder anderen Art, ein Arztzimmer und die Apotheke. Lasst uns ein paar der Räume mal genauer ansehen:

Im Spital haben wir zwar viele Betten, aber meistens sind nur ein bis fünf davon belegt, die Patienten sind häufig Kinder und noch häufiger haben sie Malaria. Malaria, nur so nebenbei, kann den Patienten wirklich flach legen, aber mit Malariamedikamenten- die auch schon beim geringsten Anzeichen verschrieben werden wie Bonbons- ist man nach drei Tagen wieder fit auf den Beinen. Für größere Leiden gehen die Leute meist entweder gleich ins Krankenhaus oder werden von uns dort hingebracht. Aber manchmal bleiben sie doch. So hatten wir vor kurzem eine erwachsene Frau mit Masern. Sie hatte (hab ich mir sagen lassen) den Ausschlag und eine Wunde im Rachen, nach fünf Tagen war sie gesund und ging nach Hause. Zur etwa selben Zeit kam ein Mann mit AIDS im fortgeschrittenen Stadium- mager, mit Ausschlag und geistig verwirrt- aber das Problem, wegen dem er kam- er konnte nicht schlucken- konnte behandelt werden. Der für alle interessanteste Fall bisher aber war ein Mann, der mitten in der Nacht, gemeinsam mit vielen lärmenden Leuten, eingeliefert wurde: als er nachts im Ziegenstall Unruhen hörte wollte er nachsehen und wurde dabei vom Unruhestifter, einer Hyäne, in die Hand gebissen. Im Laufe des Tages kamen viele Schaulustige, um ihm ihr Mitleid („Pole“) auszudrücken- sein größeres Problem war zunächst, dass er so von der Hyäne gezogen wurde, dass er mit dem Kopf gegen etwas stieß und sich noch bis zum Mittag an nichts erinnern konnte- aber einen Tag später war er auch wieder entlassen. Blieben nur noch die Tollwutimpfungen im Krankenhaus.

Neben den Impfungen für die Kinder gibt es in der Klinik noch die prophylaktische Tetanusimpfung für schwangere Frauen, die keinen Nachweis über vergangene Impfungen haben, sowie alle, die mit einer größeren Wunde ins HC kommen. Meistens sind es Fahrad- oder Motorradunfälle, aber im Smalltalk über die Ursache der Wunde kommt man manchmal auch zu interessanten Geschichten. Ein Mann erzaehlte mal, er wurde von einer Schlange gebissen, einer richtig Großen, als er aus einem Wagen stieg. Ein anderer Mann wurde auch gebissen, aber anders: man weiß nicht, ob im Suff oder im Streit, aber er hatte wohl einen Nachbarn verärgert, und dieser hatte ihm- die halbe Nase abgebissen! Ich sah ihn erst, als er nach einem Monat zur zweiten Impfung kam, er versuchte, das Loch mit der Hand zu verdecken. Die Geschichte bekam ich von meiner Kollegin, die ihn an jenem Tag verbunden hatte. Sie sagte, jener Nachbar wird wohl nun nach Iraqw-Tradition zwei Kühe Schadensersatz zahlen. Aber was nützt das jetzt noch, die Nase ist weg.

Der spannendste Raum ist mit Abstand der Entbindungsraum. Kinder werden dort täglich geboren. Manchmal nur ein oder zwei an einem Tag, zu Ostern kamen gleich fünf Kinder in einer Nacht. Ich war am Anfang fassungslos, wie selbstverständlich dort mit den gebaehrenden Frauen umgegangen wird; die Schwestern gehen ein und aus, manchmal wird nebenher Boden gewischt, wenn der Kopf bereits herausguckt, oder die Tür wird offen in den Gang stehen gelassen. Aber nach zwei, drei mit angesehenen Geburten hab ich mich selbst daran gewöhnt- die Muetter selbst kennen es ja auch nicht anders. Hier werden wahnsinnig viele Kinder geboren, und die allermeisten Geburten verlaufen problemlos. Viele Frauen haben eine unglaubliche Selbstdisziplin und zeigen kaum etwas von den Schmerzen, sie werden routiniert angeleitet, richtig zu pressen und zu atmen, und dann geht alles auf einmal ganz schnell und wenige Minuten später haben sie ihr Kind- das erste, zweite, fünfte oder achte- an der Brust. Bei falscher Lage des Kindes, einem besonders großen Baby oder anderen Regelabweichungen werden die Mütter ins Krankenhaus gebracht- oder sie fahren, wenn sie es noch können, für weit weniger Geld mit dem Bus. Erst vor kurzem wurde ein Freund bei einer Busfahrt Zeuge einer Geburt im Bus- er erzaehlte, die Frau wurde so gut es ging mit Tuechern abgeschirmt, und das naechste was er sah war das neugeborene Baby... Aber manchmal geht eben doch etwas schief. An einem Abend rief mich Mama Ingi in die Klinik, eine Frau hatte eine Fehlgeburt. Weil das Licht nicht reichte hielt ich die Taschenlampe, damit der Arzt bei der Arbeit etwas sehen konnte. Wenige Tage später kam eine andere Frau blutend ins Ärztezimmer, das ganze wiederholte sich (diesmal bei Tageslicht)- woran es gelegen hat versuchte man hinterher herauszufinden. Die häufigste Ursache sind Syphilis oder Malaria, oder schwere Hausarbeit- die ja oft doch bis zum Schluss die Arbeit der Frauen bleibt. Ein anderes mal wurde eine Frau mit ihrem Kind mit dem Krankenwagen gebracht. Das Baby wurde hektisch auf den Tisch gelegt und noch versucht zu beatmen, aber es war bereits tot. Die Mutter wollte zu Hause entbinden, aber das Baby kam mit den Füßen zuerst und ist erstickt. Eine andere Frau kam vor kurzem mit Zwillingen im Bauch in die Klinik. Mama Ingi kam spät abends nach Hause und erzählte, dass der eine gesund sei, aber der andere tot geboren wurde; wir sind zusammen ins HC und sie hat es mir gezeigt. Die Knochen waren unnatürlich weich und der Kopf nach innen eingedrückt, und es war vermutlich schon vor zwei Tagen gestorben. Was das gewesen war konnte sie mir auch später nicht sagen…

Aber da ich die mit Abstand meiste Zeit in der „Klinik“ verbringe bekomme ich da natürlich auch das meiste mit. Ich habe neulich mal ein bisschen mit unseren Zählergebnissen (September – April) herumgerechnet und ein paar Statistiken aufgestellt: im Monat wiegen wir im Schnitt 531 Kinder im HC, das sind 31 Kinder pro Tag. Hinzu kommen die Kinder in Kidarafa- der eine Outreach-Kliniktag im Monat macht 29% aller gezählten Kinder. Im April hatten wir die meisten Kinder (874), im Dezember die wenigsten (640). Pro Monat werden 73 neue Kinder und 78 neue Schwangerschaften registriert. 4% aller gewogenen Kinder haben 60-80% des erwünschten Gewichts, knapp 1% liegt unter 60%. 12 Schwangere kommen pro Tag zur monatlichen Untersuchung, 12% sind jünger als 20, 32% haben schon vier oder mehr Schwangerschaften hinter sich. Ohne Zahlen kann man zusammenfassend sagen: die Frauen werden häufig und jung schwanger, es gibt viele Kinder, und die allermeisten Kinder sind normal, gesund und entwickeln sich gut. Aber es sind natürlich die Ausnahmen, die einem in Erinnerung bleiben, so wie die größte Schwangere, die ich gemessen hab (1,90m) und die kleinste (1,45), die älteste (45) und die jüngste (16). Ein anderes Mädchen war 17 und schon zum zweiten mal schwanger. Letztes Jahr kam eine 19-jährige, die gerade 38 Kilo auf die Waage brachte; mittlerweile kommt sie mit ihrem gesunden Sohn monatlich zur Untersuchung. Von den wenigsten erfahre ich mehr als das, was auf der Karte eingetragen wird. Warum zwei von fünf geborenen Kindern gestorben sind, warum manche während der ganzen Schwangerschaft keinen Kilo zunehmen. Wenn Kinder in einem Monat nicht zunehmen fragen wir, woran das liegt. Oft sind sie krank, heißt es, manchmal verweigern sie noch feste Nahrung. Und manchmal frage ich Mama Ingi nach den Leuten und bekomme den Hintergrund dazu.
Eines Tages kam eine Gruppe von fünf Kindern und einem Hund in die Klinik. Das älteste Mädchen war vielleicht 8 und trug das jüngste auf dem Rücken. Es wurde gewogen, die Waage zeigte fünfeinhalb Kilo- das Kind war eineinhalb Jahre alt! Ich rief die Krankenschwester und die sagte, das seien Waisen. Die Mutter sei bei der Geburt des letzten gestorben. Und so band sich das Mädchen das Kind wieder auf den Rücken und die Gruppe ging. Zu Hause erzählte Mama Ingi weiter: die Mutter hat zu Hause entbunden, es gab Komplikationen, und bis der Wagen des HC da war war sie bereits verblutet. Die Kinder kamen erst ins Krankenhaus nach Haidom und dort fand sich eine Europäerin, die das Baby adoptieren wollte, aber die Großmutter war dagegen. So blieben alle in der Familie. Der Vater trinkt, vermutlich kümmern sich alle Verwandte ein bisschen um die Kinder, aber niemand so richtig. Auf der Karte des Kindes war jeden Monat das Gewicht eingetragen, es war seit seiner Geburt im roten <60%-Bereich. Aber seither hab ich es nicht wieder in der Klinik gesehen.
Eine andere Mutter hatte ich bereits öfter mit ihrem juengsten Kind gesehen, an einem Tag kam sie schliesslich mit allen ihren fuenf Kindern und dem sechsten im Bauch in die Klinik. Das Kind hat eine ausgepraegte Lippenspalte, ich hatte so lange gedacht, das sei mal ein Unfall gewesen, bis ich sah, dass zwei seiner Geschwister die selbe Spalte haben und Mama Ingi es mir erklaerte. Die Mutter selbst hat eine Gaumenspalte und kann darum nicht richtig sprechen. Nun wog sie also alle ihre Kinder, und alle Kinder hatten ein Gewicht im grauen Bereich. Das Problem ist das altbekannte. Der Vater trinkt, die Arbeit mit Haus, Feldern und Kindern bleibt bei der Mutter. Sie verkauft ein bisschen Feuerholz, um etwas Geld zu bekommen. Und nun ist ein neues Kind unterwegs- viele Wairaqw haben sich noch nicht an Schwangerschaftsverhuetung gewoehnt, sagt Mama Ingi, ganz besonders auf dem Land. Sie finden, es sei leichter, ein Kind zu kriegen als zu verhueten. Das Problem mit der Lippen-Gaumenspalte bei den Kindern kommt noch zusaetzlich dazu. Die Operation, um den Fehler zu richten, ist simpel, ins Krankenhaus nach Haidom kommen regelmaessig Flying Doctors, die das durchfuehren- aber Geld fuer die Operation haben sie nicht...

Es gibt noch viel mehr, was ich am Rande mitbekomme, wovon man mir erzaehlt, oder was man mir nicht erzaehlt, oder was hier im Detail zu schreiben unangebracht waere. Stoff fuer Fortsetzungen gaebe es genug.

1 Kommentar:

  1. Рассказ не для слабонервных , впечатляет . А в Бремене в гебуртсхаузе нашли какую-то палочку , перестроили всё , завезли всё новое оборудование , но через 3 месяца вирус снова объявился и тогда эту мед .клиннику закрыли .

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