Freitag, 27. Juli 2012

HIV-Aufklaerung - und wie man ein Kondom benutzt...

Neulich war in der Kolpingschule der letzte Schultag vor den Ferien, und Jonas und ich hatten dafür etwas Besonderes geplant. Aufklärungsunterricht war von Anfang an etwas gewesen, was ich unbedingt machen wollte. Genau genommen hatte sich diese Gelegenheit bereits im März einmal ergeben.

Im März hatten wir für eine Woche 200 jugendliche Gäste in Mwanga. Das ganze lief über die Kirche, es wurde viel gebetet, gesungen und unterrichtet, so in der Art einer Jugendwoche, aber den ganz genauen Sinn dieses Seminars weiß ich nicht mehr. Im Rahmen dieser Woche war nun jedenfalls eine Unterrichtseinheit über HIV geplant, die von unserem jungen Arzt Lammeck gehalten werden sollte. Er hatte mich schon einige Wochen vorher gefragt, ob wir das zusammen machen wollen, und ich war natürlich dabei. Mein Plan war, mir bis dahin ein (gutes) Infoheft über Aids auf Kiswahili durchzulesen und das nötige Vokabular anzueignen, dann die Mädchen in kleine Gruppen aufzuteilen und in diesen über HIV zu reden, und in dem Zusammenhang vor allem über Kondome. Denn die werden zu diesem Thema ausgeklammert, und das nicht nur in den Unterrichtsstunden der katholischen Pfarrer- es sind tatsächlich sie, die für Aufklärung zuständig sind!- sondern auch in allen Büchern zu diesem Thema: Sex vor der Ehe darf es nicht geben, Punkt. Dass es trotzdem passiert, vor der Ehe oder innerhalb mit anderen als dem Ehepartner, und das mehr die Regel als die Ausnahme darstellt, und dass darauf reihenweise Schülerinnen schwanger werden und die Schule abbrechen- als Schüler darf man nicht heiraten oder Kinder kriegen- wird ignoriert. Nun, mein Plan war gut, meine Vorbereitung schlecht, denn ich hatte das Datum vergessen und eines Tages nach der Arbeit rief mich Lammeck und sagte, in einer Stunde ist der Unterricht, lass mal mit der Unterrichtsplanung loslegen. Eine Stunde später saßen wir natürlich völlig unvorbereitet auf dem Podest in der großen neuen Kirche vor 200 Jugendlichen. Ich hatte Lammeck gesagt, dass ich nach dem allgemeinen Vortrag Mädchen und Jungen aufteilen und in einem abgetrennten Raum eine Fragerunde starten will, und darauf hatten wir uns geeinigt. Leider endete aber alles in großem Chaos. Der Vortrag begann wegen des Regens viel zu spät, und zunächst führte ihn ein neuer Arzt der Dispensary- ein früherer Soldat und heftiger Alkoholiker. Er sprach mit leiser Stimme und der Wind und Regen machte das ganze nicht unbedingt besser, die Schüler meldeten sich laufend, dass sie nichts verstanden. Das war aber wahrscheinlich kein allzu großer Verlust; das einzige, was ich im Laufe der Rede heraushören konnte aus seinem Kiswahili-Englisch-Gemisch war, dass er gerade über den allmächtigen Gott sprach. Dann war Lammeck an der Reihe. Er wollte das ganze lockerer gestalten, nicht als Lehrer, sondern als einer von ihnen, leider verlor er relativ bald den Faden, und so ging allmählich die Sonne vor den Kirchenfenstern unter und mit ihr meine Pläne. Als er endlich zum Ende kam folgte die Ankündigung: die Jungen bleiben mit Lammeck im vorderen Teil der Kirche, die Mädchen gehen mit Olga in den hinteren Teil, wo alle Fragen beantwortet werden sollen: in 10 Minuten! Die Fragen der Schüler, die davor schon anonym auf Zettel geschrieben und abgegeben worden waren, wurden ignoriert mit dem Kommentar, dafür sei keine Zeit mehr. Dieser hintere Raum der Kirche war zu groß für alle Schülerinnen, darum gingen wir raus auf die Wiese, und ich stand in der Mitte eines immer enger werdenden Kreises von 100 drängelnden Mädchen, die mehr an mir interessiert waren als an Aidsaufklärung. Fragen gab es dennoch viele- ob man sich im Saloon durch einen Rasierer infizieren kann, welche Krankheiten auf Aids hinweisen, wie der erste Mensch HIV bekommen hat. Ich wollte möglichst schnell zu meinem Hauptanliegen kommen und lenkte das Thema auf Verhütung. Ein Mädchen war recht diskutierfreudig dabei, darum fragte ich sie, ob sie wisse, wie man ein Kondom benutzt. Sie sagte: nein, denn sie hätte ja noch nie eins gebraucht. Die 10 Minuten waren schon lange rum und der leitende Pfarrer blickte ungeduldig über die Mädchenköpfe hinweg, das einzige, was mir einfiel, war ihnen das Aidsheft zu geben (das unter anderem den Gebrauch erklärt), wonach sich alles in vollendetem Chaos auflöste.

Nun kam die zweite Gelegenheit. Jonas hatte für seinen Englischtest eine Stunde zuvor einen Text über Aids genommen und damit auf die kommende Stunde hingeleitet. Jenes Heft und seine Vokabeln hatte ich bereits durchgelesen und gelernt, einen Tag vorher setzten wir uns zu zweit zusammen und bereiteten die Stunde vor, kurz vor dem Unterricht wurden noch schnell Bananen auf dem Markt gekauft, und es konnte losgehen.
Als kurz nach zwei allmählich fast alle Schüler da waren, stellten wir das Thema vor, dann ging Jonas mit den Jungs in den anderen Klassenraum und ich blieb mit den etwa 20 Mädchen im ersten. Zuerst klärten wir kurz die Begriffe Aids (Kiswahili UKIMWI) und HIV (VVU), die Symptome der Krankheit und ihren Verlauf. Danach kamen wir zur Infektion: ich hatte verschiedene Beispiele auf Karten geschrieben, die ich vorlas und ließ abstimmen, ob man sich dadurch anstecken kann oder nicht, wobei die Mädchen da fast alles richtig beurteilten. Das nächste Spiel zeigte aus Magazinen ausgeschnittene Bilder von Menschen, und sie sollten sagen, ob diese infiziert sind oder nicht. Die Auflösung war dann, dass wir es nicht wissen können, weil man es den Menschen nicht ansieht. Wir fassten die drei Möglichkeiten, sich anzustecken, zusammen: über die Mutter vor der Geburt, durch den Kontakt mit Blut oder, vor allem, durch ungeschützten Sex. Und damit wurde direkt die Banane ausgepackt. Die Stimmung in der Klasse war super, ich hatte mit viel mehr Zurückhaltung gerechnet, aber die Mädchen waren bei allen Fragen dabei. Als ich das eingepackte Kondom durchgeben ließ kam erstmal die Frage, was sie mit diesem Stück Plastik machen sollen. Das Kondom war ja auch noch in der Packung… dann wurde es ausgepackt, aufgerollt, abgezogen, zugebunden und durchgegeben. Ich erklärte so viel mir einfiel über Beschaffung- gibt es kostenlos in Krankenhaeusern, nur in unserer katholischen Dispensary nicht, aber dafuer, was ich aber erst danach erfuhr, auch in Grosspackungen bei meinem Nachbarn-, Entsorgung und anderes Wissenswertes, aber das Hauptanliegen der Mädchen war, ob ich die Banane jetzt denn noch essen werde. (Ja.) Damit waren wir durch und es blieb Zeit für Fragen. Jeder sollte, damit es anonym blieb, irgendetwas auf einen Zettel schreiben, auf den meisten stand daher nur, dass sie alles verstanden hätten. Eine Frage war, was man machen sollte, wenn das Kondom platzt, eine andere fragte nach den Symptomen, insgesamt hatte ich auf etwas mehr gehofft. Nach der Stunde aber fragten mich ein paar, ob wir sowas wieder machen werden. Ich habe ein paar Ideen dazu im Kopf, weiß aber nicht, ob die Zeit zur Umsetzung dafür noch reicht…

Sonntag, 15. Juli 2012

Bung'eda - eine Party im Busch

Und ein tieferer Einblick in die Kultur der Barbaig.

Vor etwa drei Wochen besuchte ich eines Abends meine Lieblingsnachbarsfamilie und traf dort auf George (29-jähriger, unglaublich cooler Theologiestudent), der Neuigkeiten für mich hatte: von einem Mbarbaig aus dem Dorf hatte er erfahren, dass in zwei Tagen eine Bung’eda stattfinden sollte. Das sei ein Riesenereignis, das höchstens alle paar bis 10 Jahre stattfindet, Stammesmitglieder aus allen Teilen Tansanias reisen dafür an, und wir müssen uns das unbedingt ansehen. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und lief dafür am nächsten Tag durch die Gegend, um ein Fahrzeug zu organisieren. Die Organisation erwies sich als kompliziert und zog sich bis zum darauffolgenden Vormittag, da es im ganzen Dorf nur vier Autos gibt, von denen drei den Pfarrern gehören, die Leute, die ein Motorrad haben und es fahren können, keinen Führerschein haben und die, die einen haben, kein Motorrad fahren können. Kurz gefasst sind wir – George, Jonas und ich – am Ende doch beim Bus gelandet, und nach zwei Stunden warten, einer Stunde Fahrt, einer weiteren Stunde warten und drei weiteren Stunden Fahrt stiegen wir letztlich in einem kleinen Dorf zwischen Basutu und Katesh aus. Den Ort zu finden war nicht schwer, weil der Bus bereits voller Bung’edabesucher war, wo wir die ersten Informationen über dieses Fest erhielten.

Eine Bung’eda findet statt, wenn ein für den Stamm bedeutender (zB Medizinmann) bzw. berühmter bzw. vor allem reicher Mann im hohen Alter stirbt. Das Fest findet nach langer Vorbereitung ein Jahr nach dem Tod statt und dauert zwei Monate, in denen sich die Alten versammeln, und einen Monat, in dem die jungen Leute dazukommen und ihre Tänze tanzen. Die eigentliche Bung’eda ist der letzte Tag des Festes und gleichzeitig sein Höhepunkt: ein etwa 3 m großer Lehmhügel wird auf das Grab gebaut und von den Familienmitgliedern bestiegen, um für den Verstorbenen zu beten. Danach darf er in Frieden ruhen.

Wir reisten am Freitag an, weil uns gesagt wurde, dies sei dieser besondere letzte Tag, nun erfuhren wir, der Tag sei doch erst am Samstag, darum beschlossen wir, bis Sonntagmorgen zu bleiben. Wir bezogen ein Gästehaus, das in seinem uneinladenden Zustand alle bisher gesehenen Gästehäuser schlug, und machten uns dann zusammen mit zwei kennengelernten Barbaigmännern auf den 1,5-stündigen Fußmarsch durch den Busch zum Ort des Geschehens.

Von weitem schon hörten wir die Gesänge und das Trommeln, und als wir ankamen erinnerte alles an ein afrikanisches Rock im Park: zwischen den Akazien standen Zelte aus Plastikplanen in Reihen, in denen Essen verkauft wurde, an anderen Ständen verkauften Leute Perlenschmuck und Shukas (Decken, die als Kleidung um den Körper getragen werden). Und wie auf einem Metalfestival die Masse uniform Bandtshirts und Nieten trägt, so trugen hier alle ihre Shukas, Autoreifenschukombinierten). Wir drei in unserer Alltagskleidung (und vor allem wir zwei mit weißer Haut) sahen dazwischen jedenfalls ziemlich fehl am Platz aus.

Zwischen den Bäumen gab es einen großen Platz, der für den Stammestanz freigehalten wurde, um den die Leute herumstanden. Diese Tänze sind gerade für die jungen Leute nun der eigentliche Grund, um auf eine Bung’eda zu gehen. Vor dem Tanz wird sich zunächst um- bzw. ausgezogen: die Mädchen tragen nichts als ein einteiliges Lederkleid (in der Sprache der Barbaig „Eqwat“), das mit einer Hand zusammengehalten werden muss, damit die Brüste nicht rausfallen (aber das stoert auch keinen). Der Rock („Hanang’weng“) besteht aus unzähligen Lederschnüren und Perlenketten, wobei die Masse der Perlen vom Vermögen der Familie abhängt, die beim Tanz hochfliegen und die Beine freigeben. Geschminkt wird sich mit einem Gemisch aus Erde, das die Haut heller färbt; die Haare werden mit schwarzer Farbe (bzw. Schuhcreme) dunkler gefärbt. Der Schmuck sind Ringe aus Metall und Plastik um Beine, Arme und Hals, dem in Anzahl keine Grenze gesetzt wird. Die Männer tragen nichts als eine Shuka um den Körper, alle andere Kleidung wird vor dem Tanz abgelegt.
Im Tanz selbst steht nun eine Gruppe von wenigen Mädchen einer Gruppe von vielen jungen Männern gegenüber, welche den Tanz anführen: jeder hat einen Stock in den Hand, mit dem immer einer oder zwei um die Frauen herumlaufen und vor ihnen mehrmals in die Höhe springen. Mittels Augenkontakt oder dem Ablegen des Stockes erlauben sie einem Mädchen, das ihnen gefällt, zurück zu tanzen. Stimmt es dem zu, so geht sie ein Stück vor und springt wenige male hoch; die meiste Zeit stehen sie aber nur da und sehen zu. Den Gesang zum Tanz, der mehr Rhythmus und Melodie als Wort ist, geben die Männer im Chor zusammen mit Schlägen auf einen Lederschild. Das Tanzen hat dabei im Grunde nur eine Botschaft: wer tanzt ist auf Braut- bzw. Bräutigamsuche. Die Mädchen sind alle unverheiratet.

Wir stellten uns also zu den Zuschauern um die Tanzenden herum dazu, nahmen unseren Mut zusammen- und holten alle unsere Kameras raus. Jonas und ich hätten uns das vermutlich nicht getraut, wenn George nicht der erste gewesen wäre, der selbst Tansani ist, aber als Hobbyethnologe noch begeisterter bei der Sache war als wir. Nach und nach bildete sich eine Menschentraube um uns herum, die Bilder sehen oder machen wollten, die eine ähnliche Zuschaueranzahl erreichte wie die Tänze selbst, bis wir beschlossen, weiterzugehen und dafür einen Führer fanden, der uns die Boma zeigen wollte.

Die Boma ist eine abgezäunte Ansammlung von so vielen brusthohen Häusern, komplett aus Ästen und Stroh, dass es wirkte wie ein eigenes kleines Dorf. Sie wurden um das Grab des Alten herum gebaut und dienen der Unterkunft der gesamten Verwandschaft. Als wir gerade hineingingen wurde ich gleich von einem Mann hergerufen und eingeladen, seinen Honig zu probieren. Die etlichen Eimer Honig- so roh, wie er aus dem Bienenstock kommt, und voller Bienen-, die für dieses Fest gebracht werden, werden alle zu Honigwein verarbeitet: vermischt mit Wasser sorgt eine kleine hinzugegebene Wurzel dafür, dass sich das Ganze in großen kürbisartigen Kanistern, viele Stunden auf Feuer gekocht, zu Alkohol verwandelt, den jeder kostenlos bekommt und in kleinen Kürbisgefäßern mit sich herumträgt. Das ganze Honigwein zu nennen ist eigentlich zu blumig ausgedrückt, denn das Getränk schmeckt schlicht süß und berauscht- was letztlich auch sein einziger Zweck ist. Wir waren aber ja nicht dort, um uns zu betrinken (auch wenn es durchaus eine gute Gelegenheit gewesen wäre) und haben nur paar mal probiert.

In der Boma merkte ich zum ersten mal, dass die Leute nicht ausschließlich neugierig, sondern andere misstrauisch bis wütend auf unsere Kameras reagierten. Am nächsten Tag beschlossen wir darum als erstes, uns eine „offizielle“ Erlaubnis beim Chef der Bung’eda, dem erstgeborenen Sohn, zu holen. Da er wie viele Wabarbaig kein Kiswahili sprach übersetzte ein anderer Mbarbaig das Gespräch, dabei wurde uns versichert: die Bung’eda sei für alle Menschen aller Stämme, und fotografieren und filmen sei überhaupt kein Problem. Im Laufe des Tages hatte sich irgendwann bei allen herumgesprochen, dass wir Kameras hatten, die das Foto sofort auf den Display anzeigen- dass sich das ganze aber nicht so leicht ausdrucken lässt war schwerer zu erklären. Dennoch hatten so viele Spaß an Bildern, dass wir bald keine Minute Ruhe mehr hatten, weil ständig jemand fotografiert werden wollte. Verärgerte Stimmen meldeten sich danach nicht mehr zu Wort.

Den Tag verbrachten wir nun eigentlich damit, auf den Höhepunkt, die Besteigung der Bung’eda zu warten. Zu dieser Zeremonie gehört, dass spezielles Gras von irgendwo her herbeigebracht wird, woraufhin noch eine bestimmte Zeit gewartet wird, bis das Gras (auch das „Haar des Alten“ genannt) auf die Spitze des Lehmhügels kommt. Die Zeit verbrachten wir damit, bei den Tänzen zuzusehen, unsere Fotos und Filme zu machen und uns mit den Leuten zu unterhalten. Von vielen Leuten hatte ich bereits gehört, dass Frauen bei den Barbaig keine Rechte haben. Findet ein solcher Tanz wie bei diesem Fest statt, kann das Mädchen hinterher einfach auch gegen ihren Willen mitgenommen werden, sagten viele. Bei Hochzeitsfragen wird höchstens ihr Vater, bestimmt aber nicht sie gefragt. Ich fragte einen jungen Mann danach und er sagte: Klar, ein Mädchen zu nehmen sei so leicht wie Wasser holen. Ob er seine Frau auch so bekommen hätte, fragte ich ihn. Nee, sagte er, bei ihm beruhte alles auf gegenseitigem Einverständnis. Und seine Tochter würde er auch fragen, welchen Mann sie auch haben will. Mit einem anderen Mann redeten wir über seine vier Frauen, die alle um die acht Kinder geboren haben, und baten ihn, alle Namen der Kinder in der richtigen Reihenfolge aufzuzählen. Manche Namen wiederholte er (die Frau wollte den fünften Sohn wirklich nochmal so nennen wie den zweiten!), andere brachte er durcheinander, aber ob es am Honigwein oder an Unwissen lag weiß ich nicht. Für Barbaigmänner ist es üblich, je nach Vermögen mehrere Frauen zu haben. Uns war außerdem aufgefallen, dass die Tänzerinnen alle verdammt jung aussahen. Meine Barbaig-Arbeitskollegin hatte mir einmal gesagt, dass Mädchen ab 15 verheiratet werden, hier sagte nun ein anderer, das Alter beginne schon bei 13 oder 12, ab dem Zeitpunkt, zu dem man die Brüste erkennt. Und länger als 18 Jahre bleibt keine unverheiratet.

Wir saßen gerade irgendwo im Schatten, als wir gerufen wurden: das Gras komme! Wir liefen durch die Büsche zur singenden, Stöcke hoch tragenden und schnell vorwärtslaufenden Wabarbaiggruppe mit den besonderen Blättern. Die habe ich letztlich kein einziges mal gesehen, aber das Beste war die Zeremonie. Die Sonne ging gerade unter, etliche waren bereits den Gesängen gefolgt und rannten nun an allen Seiten neben der geschlossenen Gruppe mit, andere versuchten in den Bäumen die beste Aussicht zu bekommen, Unmengen von Staub wurde aufgewirbelt. Die Reise endete vor der Bung’eda, die von den Menschen umkreist wurde, ich fand einen Platz hinter den versammelten alten Barbaigfrauen. Und mit dem Sonnenuntergang begann ein neuer Tanz: nun sprangen die alten Mütter vor der Bung’eda und sangen ihre Gesänge, ein paar Kinder sprangen mit. Wir sahen dem eine Weile zu, aber es schien sich weiter in die Länge zu ziehen, darum wollten wir später wieder kommen.

Neben den Wabarbaig war der Stamm der Iraqw auf dem Fest auch stark vertreten. Iraqw und Barbaig ähneln sich in ihrer Kultur (ursprünglich alle Viehhalter, das Tragen von Shukas, Körpermodifikation und das Heiraten mehrerer Frauen sind ein paar Gemeinsamkeiten), mir wurde mal erzählt, der Stamm der Iraqw sei aus einer Tochter eines Barbaig entstanden. Viele Wabarbaig können die Sprache Kiiraqw, und auch sonst sind die zwei Stämme untereinander recht dicke. Somit war der andere große Tanz auf dem Fest der der Wairaqw. Hier stehen Männer und Frauen vermischt in einem großen Kreis eng beieinander, zwei Mädchen in der Mitte schlagen Trommeln, die Stöcke werden vor ihnen auf dem Boden abgelegt, und so springt der Kreis synchron immer wieder in die Höhe. Ein einzelner singt in der Stammessprache, die Masse gibt brummende rhythmische Geräusche dazu, bis jener Sänger mit einem Aufschrei endet und der Kreis darauf ebenfalls mit einem Aufschrei in die Mitte springt.
Hier fühlten wir uns gleich willkommen, gehören wir doch nach so vielen Monaten mit Wairaqw selbst fast zum Stamm dazu, und sprangen und tanzten fröhlich mit. Eine Frau lud mich in die Mitte ein und so sprangen wir zusammen mit anderen Einzeltänzern vor den staunenden, sich über uns freuenden Stammesmitgliedern. Es hat wirklich Spaß gemacht.

Es wurde dunkel, wir gingen zurück zur Bung’eda und versuchten uns gute Plätze zu sichern. Ich war damit weniger erfolgreich, um ein bisschen was zu sehen ließ ich George und Jonas allein und stellte mich an anderer Stelle zu zwei Männern und einer Frau, die mir das Geschehen nochmal ein bisschen erklärten. Der Sinn der Bung’eda ist ja die Erinnerung an den Verstorbenen. Im Glauben der Barbaig geht die Seele zu Gott („Aseta“), aber auf irgendeine Weise scheint der Körper weiterzuleben. Meine Kollegin hatte mir erzählt, dass ihr Großvater und Vater „Waganga“- Witchdoktor, Medizinmänner, wie immer man es nennt- gewesen waren. Als Kinder haben sie oft über die Gräber Milch geschüttet, so als seien die Männer im Grab noch am Leben. In diesem Lehmhügel wurde uns noch bei Tageslicht ein Loch gezeigt, um das Bienen herumflogen. In dieses Loch wird täglich Milch, Honigwein und Tabak geschüttet- es wird auch der „Mund des Alten“ genannt. Begraben werden die Toten außerdem nicht im Sarg, sondern in sitzender Position, mit einer Shuka um den Körper.
Weiter wurde mir erzählt, dass der Mann acht Frauen gehabt hatte, und jeweils der älteste Sohn einer jeden Frau den Hügel besteigen würde, um an der Spitze für den Vater zu beten. In diesem Fall würden aber nur fünf den Hügel besteigen: drei haben möglicherweise Sünden auf sich, weshalb sie nicht für ihn beten dürfen. Vielleicht haben sie jemanden umgebracht. Jonas erhielt an anderer Stelle die Information, dass ein Sohn verstorben und eine Frau keinen Sohn geboren hat. Was nun von all dem stimmt weiß ich nicht.
Wir wurden mehrmals gewarnt, jetzt nicht mehr zu sprechen, und irgendwann leisteten die Männer dem Folge. Die Wächter gingen mit Stöcken um die im Kreis versammelte Leute und warnten die, die weiterhin murmelten. Außerdem sollten alle Kopfbedeckungen ausgezogen werden- ein Wächter griff mir in die Haare und zog an ihnen, bis er kapierte, dass das keine Mütze ist. Gewünscht war absolute Stille. Das einzige Geräusch war ein tiefes Pfeifen, das immer wieder aus verschiedenen Richtungen kam. Es war stockdunkel, Taschenlampen blinkten auf und gingen wieder aus, am Himmel nur Sterne ohne Mond, und das Pfeifen jagte einem eine Gänsehaut ein. Was nun auf dem Hügel geschah konnte ich überhaupt nicht sehen. Ich sah die Silhouette eines heraufsteigenden Menschen und hörte leises Murmeln von oben. Nach einer Weile verließ ich den Kreis und setzte mich an die Wand einer der Hütten, aus der Licht vom Feuer kam, um auf das Ende zu warten. Es waren nicht alle Menschen um die Bung’eda versammelt, andere saßen in den Hütten und tranken Honigbier, andere hatten sich bereits im Freien unter ihre Shukas schlafen gelegt, andere aßen unter den Plastikplanen zu Abend- alles war voller Menschen. Als der letzte Sohn abgestiegen war war die Zeremonie vorbei, und die Männer begannen zu singen. Die Leute liefen singend im Kreis um die Bung’eda, der Gesang der Frauen war ein lauter Schrei aus einer anderen Richtung. Als auch das zum Ende kam telefonierten Jonas, George und ich uns wieder zusammen und gingen erstmal Tee trinken.

Wir hatten bereits am Morgen beschlossen, dass wir die Nacht auf der Bung’eda schlafen wollten. Alle angereisten Besucher schlafen dort, und uns wurde versichert, dass wir in einem der Häuser eine Ecke bekommen würden. Somit machten wir es am Morgen wie die Wabarbaig und Wairaqw vor vielen Jahren: wir wachten morgens mit unserer Shuka (Kiswahili für Bettdecke übrigens) auf, zogen sie uns als Kleidungsstück über die Schultern (und fielen nun unter den Leuten nicht mehr so stark auf) und zogen sie dann nachts wieder aus, um sie wieder als Bettdecke zu verwenden. Wir wurden von einem Wächter, der versprochen hatte, uns etwas zu organisieren, in eine Hütte mit einer Feuerstelle geführt. Auf die Erde wurde eine Plastikplane gelegt, und auf der konnten wir schlafen. Wir waren früh dran mit schlafen, es gingen zunächst viele Leute ein und aus, aßen in dem Raum, tranken, gingen wieder, bis sich andere mit dazu schlafen legten und irgendwann der gesamte Raum gefüllt war, dass man im Liegen unbequem eingeengt wurde. Ich lag zwischen Jonas und ein paar Holzbrettern an der Wand, das heißt mit halbem Körper auf diesen Brettern, aber an Schlaf war in dieser Nacht eh nicht zu denken. Es war so bitter kalt, wie ich es noch nie in meinem Leben erlebt habe. Nach einer Weile zog ich mir erst Pulli, dann Socken, dann die Kapuze an, aber die Kälte ließ kein bisschen nach. Ich glaube, ich hab keine Minute in dieser Nacht geschlafen. Aus anderen Häusern kamen Gesänge, mal von Männern, mal von Frauen, die ganze Nacht hindurch, die ich leider nicht genießen konnte, weil ich so erbärmlich fror. Wir waren alle froh, als Jonas um fünf verkündete, dass wir gehen mussten, um noch rechtzeitig den Bus zu kriegen. Auf dem Fußmarsch zurück unter Sternen und Neumond wurde uns dann langsam auch wieder wärmer, pünktlich zu Sonnenaufgang waren wir wieder im Dorf. Jonas und George nahmen den Bus zurück nach Haidom, ich fuhr in die andere Richtung weiter nach Katesh, um von dort nach Dareda weiterzufahren. Mit mir zugestiegen war eine große Gruppe von Wabarbaig, die Frauen immer noch in ihren Lederkleidern, andere bereits umgezogen in Alltagskleidung. So viel ursprüngliche Kultur, wie sie auf der Bung’eda gelebt wurde, findet man vermutlich sonst nirgendwo mehr in Tansania…