Es ist ruhig geworden in Mwanga.
Die Gäste aus der Schweiz sind vor Wochen abgereist, die Feiertage sind vorbei, die engsten Freunde sind nun alle weg auf Schulen in weit entfernten Städten. Was bleibt ist ein erstaunlich durchstrukturierter Tag: Wasser holen um 6.30, Arbeit in der Klinik von 8.00 bis 13.00, Englisch unterrichten von 14.00 bis 16.00, dann eine Familie besuchen/Wäsche waschen/eine Stunde Laufen und im Anschluss bis 20.00 oder 21.00 Arabischunterricht zu Hause bei Jonas oder sich in einem Laden auf dem Weg von ihm zu mir nach Hause mit Leuten unterhalten. Dann essen, duschen, lesen, schlafen.
Aber hier das alles etwas im Detail:
Nach drei Wochen hatten die Schweizer ihre Arbeit beendet: das Wasser im Spital fließt, die Lampen brennen, die 10.000l-Tanks stehen stabil, und so wurde ihnen zu Ehren eine Abschiedsfeier organisiert. An einem Dienstag nach der Arbeit versammelten sich Angestellte, Gäste und Schaulustige vor der Dispensary zum Fest. Eingeleitet wurde das Ganze von etwa 50 tanzenden, singenden, die Speere hoch tragenden Barbaigmännern, die auch bei ihren späteren Tänzen der interessanteste Programmpunkt für die europäischen und tansanischen Gäste waren. Am Abend zuvor wurde extra für die Herren noch ein Lied geschrieben und bei der Feierlichkeit von vier Schwestern vorgesungen, Geschenke wurden von den Arbeitern der Klinik (Kunstschnitzereien), den Barbaig (traditionelle Decken) und den Nyiramba (eine Ziege) als Dank überreicht. Während sich die Gäste nach dem Essen recht schnell verabschiedeten und, von Jonas und mir mit ihren Geschenken begleitet, noch zwischen der Barbaiggruppe tanzend nach Hause gebracht wurden, wurde vor der Klinik noch einige Zeit fröhlich im Tanz weitergesprungen, bis das Fest für beendet erklärt wurde. Am nächsten Tag fuhren die Schweizer davon, und mit ihnen die Techniker und Technikschüler, an die man sich irgendwie schon gewöhnt hatte. Da war die Mission auf einmal ganz schön leer ohne sie.
Die Arbeit in der Klinik hat sich seit einiger Zeit vervielfacht. Das hat vor allem zwei Gründe: einmal haben wir nach etwa einem halben Jahr neue Moskitonetzrezepte und Karten für die Kinder bekommen. In diese offiziellen Karten trägt man Namen, Geburtstag etc. des Kindes ein, sowie die Impfdaten und in eine schöne grün-grau-rote Tabelle das Gewicht des Kindes im jeweiligen Monat. Bis dahin haben die Mütter das Nötigste auf Zettel geschrieben bekommen. Und da so eine Karte noch zur Einschulung des Kindes erforderlich sein wird möchte jede Mutter ihren Zettel in eine solche Karte eintauschen. Das bedeutet für uns an der Rezeption: Unmengen von Schreibarbeit. Der andere Grund ist, dass es nun auf dem Feld keine Arbeit mehr gibt. Jetzt kommen nur noch die Ernten, und die Mütter haben Zeit, ihre Kinder mal wieder zum Wiegen zu bringen.
Um nun ein bisschen vor den täglich anfallenden Bergen von Karten und Moskitonetzzetteln zu flüchten- und da ich ja von Anfang an schon mit dem Labor liebäugel- habe ich nun begonnen, eben dort häufiger zu arbeiten. Das heißt, ich hab mich getraut zu bitten, dort mehr als nur Schreibarbeit machen zu dürfen. Und so springe ich nun wie meine zwei Kolleginnen und mein Kollege durch das Labor und pikse Kinder für Blutproben in die Finger, nehme Blut ab, schicke Leute mit keinen Dosen aufs Klo, teste selbst Typhus und Brucellar und schaffe es auch schon, Malaria unterm Mikroskop zu erkennen, da bei wenig Patienten genug Zeit ist, mir alles zu erklaeren und nachzukontrollieren. Dass uns vor einiger Zeit die Einweghandschuhe ausgegangen sind ist dabei das einzige Problem. Das findet mein Kollege nicht so wild und nimmt auch ohne Handschuhe den Patienten Blut ab, für Warmduscher wie mich gibt es aber immer noch sterile Handschuhe, die ich stattdessen verwende..
Mein zweiter Job nun ist seit einigen Wochen jener Unterricht der Pfarrer. Theoretisch treffe ich mich jeden Tag mit drei Erwachsenen und drei Kindern um zwei in der Schule, praktisch kommt meist nur die Hälfte (oder nur einer) und diese eine halbe bis ganze Stunde zu spät. Aber Spaß macht es trotzdem. Mit den Kindern weiß ich zwar nicht so viel anzufangen; sie haben die Grundschule (7 Jahre) nicht bestanden und sitzen dafür in diesem Secondary-Ersatzunterricht, ihr Level ist bei null, sie trauen sich nicht, mit mir zu sprechen und kommen nur etwa jedes fünfte mal. Aber die Erwachsenen sind motiviert und machen jede Übung, ohne sich zu beschweren, und ich meine, mir schon kleine Fortschritte einbilden zu können.
Das neuste aus der Landwirtschaft: Im Moment werden Zwiebeln geerntet, aber da wir unter Wairaqw leben und diese keine Zwiebeln anbauen, bekomme ich davon nur am Rande etwas mit (wenn ich beispielsweise den Bus verpasse und von einem Lastwagen mit Zwiebeln, die hier zusammengesammelt und dann nach Arusha gebracht werden, mitgenommen werde). Die dominierenden Früchte auf den Märkten sind nun Guaven und im Haus der Schwestern reifen Granatäpfel und Mandarinen. Unsere Familien aber beschäftigen gerade in erster Linie Sonnenblumen. Die Sonnenblumenernte neigt sich dem Ende zu. Die letzten Blumen trocknen vor sich hin, die meisten Felder sind bereits zu einem sonnenblumenkopflosen Stoppelfeld geworden. In meiner Familie wurde die Ernte komplett von bezahlten Arbeitern übernommen. Während die Blumen tagelang vor dem Haus auf einem Berg zum Trocknen auslagen hat jede Nacht ein betrunkener Barbaigmann auf ihnen als Wache geschlafen, damit niemand die Ernte klaut. Drei Tage lang haben Männer die Kerne aus den Blumen geschlagen und Frauen die Kerne von Staub und Stein befreit. Nun steht die dieses Jahr sehr kleine Ernte von etwa 35 Säcken voller Kerne bei uns im Haus. Ich hab es noch nicht geschafft, meiner Gastschwester das großzügige Angebot, einen solchen Sack als Geschenk mit nach Hause zu nehmen, auszureden, und dass sich auch 20 Liter Sonnenblumenöl schlecht transportieren lassen hat sie auch noch nicht verstanden.
So siehts also aus- es wird bereits über das Abschiedsgeschenk gesprochen. Vor kurzem bekam ich mein Rückflugticket per Email: 19. August um 3 Uhr nachts aus Dar es Salaam. Ich hätte fast im Internetcafe geweint. Als ich meiner Gastmutter sagte, dass ich nur noch vier Monate hier bin, hat sie sich selbst erschrocken. Die Zeit soll sich zurückdrehen, sagte sie, und das wäre wirklich das Beste. Liebe zukünftigen Tansania-Freiwillige, es war nicht schwer, sich an das Leben hier zu gewöhnen. Aber wie ich es wieder verlassen soll weiß ich selbst noch nicht so genau.