Freitag, 30. März 2012

Das Leben geht weiter...

Seit etwa zwei Wochen sind Jonas und ich nicht mehr die einzigen Weissen im Dorf. Mwanga hatte seit seiner Entstehung, oder vielmehr Entwicklung von Busch zum Dorf, als Missionsdorf immer wieder Gaeste und Einwohner aus Europa. So kam die Hilfswerk Bassotu Stifung zur Gesundheitsstation und hat zunaechst das Labor inklusive Solaranlagen fuer Strom gebaut, spaeter die Krankenwagen finanziert und schliesst nun das bisher groesste Projekt ab: die Wasserversorgung des neugebauten Spitals mittels elektrischer Pumpe und die Stromversorgung aller Gebaeude, inklusive Schwesternhaus.
Seit zwei Wochen habe ich darum einen dritten Job: Uebersetzen. Denn aus der Schweiz hierhergekommen sind dafuer die Herren Alois und Toni, die kein Kiswahili oder Englisch sprechen. Sie arbeiten mit tansanischen Solartechnikern und natuerlich der Stationsleitung zusammen und haben sonst einen Uebersetzer dabei, der diesmal frueh wieder gefahren ist, darum war ich oefter bei Gespraechen oder Einkaeufen in Singida dabei. Wenn ich an die erste Zeit hier denke ist es mir ein Raetsel, wie die Kommunikation die restliche Zeit funktioniert, aber man weiss sich zu helfen: die ersten deutschen Woerter, die die tansanischen Mitarbeiter konnten, waren 'kaputt' und 'gut', damit und mit ganz viel Pantomime liess sich schonmal das meiste klaeren. Bleiben nur noch die kulturell bedingten Probleme, wie zum Beispiel Zeitverstaendnis.. wenn man Kabel aus Dar es Salaam bestellt, ist eben keine Post fuer die Paketlieferung zustaendig, sondern das ganze wird in einem oeffentlichen Bus mitgeschickt, der dann wiederum auf dem Weg kaputt geht. Wenn man dafuer nun bereits zwei Stunden in die Stadt gefahren ist, und somit am naechsten Tag wiederkommen muss, wird es wirklich anstrengend. Weil man es aber nicht anders kennt, nimmt mans gelassen, laechelt und geht ein Bier trinken. Das hat Toni schon ganz richtig bemerkt, die Tansanis sparen sich ihre Nerven, egal ob auf einmal ein wichtiges Kabel nicht erhaeltlich ist oder sich die Abfahrt verzoegert, weil man noch Tee trinken muss oder ploetzlich jemand noch weggegangen ist, um sein Handy aufzuladen. Gelacht wird immer.
Die Arbeit ist nun trotzdem fast erledigt, das Geruest fuer die 10.000l-Wassertanks muss noch stabilisiert werden, ansonsten steht dem kommenden Abschiedsfest nichts mehr im Weg. Jonas und ich werden das Glueck haben, somit mal die ganzen stammeseigenen Taenze zu sehen, eigens fuer Toni und Alois wurde ein Lied geschrieben und dieses wie die Rede sind schon uebersetzt und ausgedruckt. Bis Dienstag ist noch Zeit, dann reisen die Gaeste ab. Und wir haben Wasser!

Das Leben geht also weiter.
Die Bohnenernte ist durch, als naechstes kommen die Sonnenblumen. Weil die Gegend um Singida besonders trocken ist, werden hier besonders viele Sonnenblumen angebaut. Das sieht man, wenn man mit dem Auto die Strasse entlang faehrt- was zur Trockenzeit aussah wie trockene Wildnis zu beiden Seiten der Strasse ist nun ein Meer aus Sonnenblumen, in denen vereinzelte Baeume schwimmen. Wenn ich morgens Wasser hole geht die Sonne hinter den Feldern auf und wenn wir abends laufen geht sie hinter ihnen unter.
Der Mais ist auch schon reif. Geerntet wird erst, wenn er auch getrocknet ist, aber seit drei Wochen essen wir jeden Tag den frischen Mais vom Feld neben dem Haus. Und in gegrillten Maiskolben hab ich mein Lieblingsessen gefunden. Meine Gastmutter sagte unserer Haushaltshilfe schon, sie solle den Mais vor mir verstecken, weil ich sonst das Ugali nicht anruehre... aber frische Maiskolben wird es ja noch bis Mai geben. Was fuer ein Glueck!
Dass alle Leute in Mwanga Landwirte sind faerbt uebrigens ab. Landwirtschaft ist auf Reisen mittlerweile mein liebstes Unterhaltungsthema. Statt von Deutschland zu erzaehlen rede ich mit Fremden oefter ueber Singida, was wir anbauen, wie viel Regen wir haben, wann wir Mais ernten. Vor drei Wochen hat man in Arusha zum Beispiel erst die Felder fuer den Mais bestellt, da wird aber auch zwei mal im Jahr geerntet. Auf Sansibar wird ueberhaupt kein Mais angebaut, dafuer weiss ich jetzt, dass man fuer Cassava Stoecke in die Erde steck, die dann weiterwachsen. Und wenn ich jemanden aus der Stadt treffe, der ueberhaupt keine Felder hat, reden wir ueber die Felder seiner Eltern oder Grosseltern..

Da ich nach besagten Reisen mit einer Reihe neuer Telefonnummern wiederkam und nun auf einmal doch das Beduerfnis hatte, ein bisschen oefter erreichbar zu sein, habe ich mir nun ausserdem ein neues Handy gekauft: ein nagelneues Nokia 1280, der Typ Handy, den das halbe Land verwendet. Der Akku haelt eine volle Woche und meine Gastschwester zeigte mir einen Platz in meinem Zimmer, an dem immer Empfang ist: ein paar Zentimeter ueber den Buechern auf meinem Schreibtisch. Wenn man zu weit nach links oder rechts geht ist der Empfang weg, zum telefonieren muss ich mich darum ziemlich unbequem ueber den Tisch beugen und gehe doch lieber zum Baum vor unserem Haus (eine andere Netzwerkstelle), aber ich kann zurueckrufen und SMS empfangen. An alle Freunde: die Nummer ist 00255-762822017. ;)

Ansonsten habe ich meine Familie mittlerweile ueberzeugt, dass ich auch arbeiten kann, und darf nun morgens Wasser holen. Mittlerweile bekomme ich keinen Muskelkater mehr vom Pumpen und zu zweit schaffen Mary und ich (inklusive Hin- und Rueckweg und ohne Warteschlange an der Pumpe) 100 Liter in einer knappen halben Stunde. :) Mein Unterricht geht weiter, wird zumindest jetzt weitergehen, wenn ich wieder mehr als zwei Schueler habe, und fuer Freizeit bleibt nicht mehr so viel Zeit. Es gibt aber auch fast nichts, was sich nicht immer auch am naechsten Tag machen liesse. Demnaechst wird Ostern gefeiert, das ist aehnlich wichtig wie Weihnachten, wieder mit Nachtmesse und vermutlich einer geschlachteten Ziege. Und sonst bleibt alles wie immer.

Samstag, 3. März 2012

Alltag.

Es geht zur nächsten Reise: Zwischenseminar von Kolping in Moshi über Haidom und Arusha. Auf dem Sprung ein paar Worte zu dem, was hier schnell zur Selbstverständlichkeit wurde.

Alle Unterschiede zu zu Hause, die erstmal am größten erscheinen, fallen eigentlich kaum ins Gewicht. Strom: da es um 19.00 Uhr dämmert und um 20.00 stockfinster ist, gilt 21.00 Uhr bereits als tiefe Nacht (und ist seit Januar die Uhrzeit, um die die Familie nach einer Regel des Vaters zu Hause sein soll). Zu Hause lässt es sich mit dem Licht von Öllampen und Kerzen aber ebenso essen, unterhalten und lesen, auch über Mitternacht hinaus. Müsste ich kochen, würde ich es vielleicht nicht so sehen. Fast jeder Haushalt hat mindestens eine Haushaltshilfe, weil Hausarbeit viel Kraft und Zeit in Anspruch nimmt. Das Feuer zum Kochen muss am brennen gehalten und reguliert werden, Wäsche waschen dauert, besonders für eine vielköpfige Familie, lange, und der Wasserhahn ist einen knappen Kilometer entfernt. Seit meine Gastschwestern weg sind wird ein Junge dafür bezahlt, dass er uns Wasser bringt. Da unser Wagen für die Wasserkanister kaputt ist, hatten wir neulich ein Problem, als er nicht kam; Wäsche waschen ging nicht, meine Gastschwester holte mit einem Eimer auf dem Kopf das nötigste. Am Tag danach hat dafür der Regen beide 200l-Wassertonnen gefüllt. Dazu kommen Boden wischen, Kartoffeln schälen, Mais für Makande (Mais mit Bohnen) stampfen, Geschirr spülen- ein Hausmädchen arbeitet viel. Im Vergleich dazu ist es irgendwie albern, zu erwähnen, dass man seine Wäsche selber wäscht und abends mit einem Eimer Wasser kalt duscht. Mein Handy lade ich, wie das ganze Dorf, bei den Nachbarn mit Solarplatten auf dem Dach, wenn es nicht gerade verloren oder kaputt ist. Und ein Kühlschrank wird hier gar nicht erst gebraucht. Karfoffeln, Mais, Reis, Kochbananen und Bohnen halten sich auch ohne, Gemüse und Milch gibt es frisch vom Markt, Feld oder von der Nachbarin.

Von der Arbeit gibt es nichts mehr zu erzählen. Nach wie vor bin ich in der Klinik, kenne mich nun aus mit Büchern und Impfungen und bin damit dort die größte Hilfe, auch wenn ich, wie mittwochs oder bei Regen, den ganzen Tag ohne Arbeit am Empfangstisch sitze und lese. In den anderen Bereichen- Labor und OPD- gibt es aber auch nicht mehr Arbeit an Tagen wie diesen.
Dafür habe ich seit einer Woche einen neuen Job, den ich nach dem Treffen weiterführen werde. Unsere Nachhilfe haben Jonas und ich nun, da alle Nachhilfeschüler auf weiterführende Schulen gehen und dafür weggezogen sind, auf Eis gelegt. Dafür bieten die Pfarrer der Kirche nun ein Kurs für Erwachsene an, die die Secondary nicht bestanden haben und die Prüfung wiederholen wollen, und suchen dafür Lehrer- bis sie jemand anderen gefunden haben, unterrichte ich also nun fünf Erwachene in Englisch. (Was bei ihnen das gleiche heißt wie in jeder anderen Klasse: ganz von vorne anfangen.) Als ich nach dem dritten Tag fragte, ob sie mit mir weitermachen wollen, sagten sie ja: sie verstehen mich gut, können auf Kiswahili Fragen stellen, und hätten mir kaum ein netteres Kompliment machen können.

Was sich aber seit einiger Zeit am meisten geändert hat ist meine Freizeit, zu verdanken habe ich das zwei Freunden: Julius und Lohhy. Was ich davor an Zeit zu Hause verbracht habe, verbringe ich nun mit ihnen. Der Fluss, der in der Nähe fließt, ist an einer Stelle tief genug zum Schwimmen- an einem Tag waren wir zu sechst dort baden, spielten danach Würfelspiele mit Keksen im Schatten unter der Sonne; schöner kann das Leben kaum sein. Abends bin ich häufig zum Nachrichten gucken bei Juli, seine Familie hat Strom und einen Fernseher, an anderen Abenden treffen wir uns bei mir und spielen Würfel-, Karten- und Brettspiele. Auch einfach nur rumsitzen und reden, zu Hause oder draussen im Busch, ist noch nicht langweilig geworden, Geschichten und Gerüchte gibt es genug, jeden Tag neue.

Ansonsten ist gerade das ganze Dorf mit der Bohnenernte beschäftigt. Während ich auf Sansibar war hatte es nicht geregnet, viele Maisfelder sind eingegangen, Bohnen vertrocknet. Je nach Standort des Feldes und Zeitpunkt des Bestellens traf es die Leute unterschiedlich. Meine Familie zum Beispiel, die lange auf den Tracktor zum Ausleihen gewartet und damit spät gepflanzt hat, hat eine selten kleine Bohnenernte dieses Jahr. Julis Familie hat Kühe, die die Felder früh bestellt haben, ihre Ernte ist besonders groß. Letzte Woche kam der erste große Regen, seit ein paar Tagen regnet es die ganze Zeit. Das sollte dem verbliebenen Mais und den Sonnenblumen helfen.
Da ich nicht helfen darf ("du kannst das nicht, du bist erkältet, du bist müde, du tust dir weh" etc.) und meist vormittags, wenn ich in der Klinik bin, gearbeitet wird, habe ich davon nicht so viel mitbekommen. Bei der nächsten Ernte werde ich mich durchsetzen…